Weißenbergia elegans
Ein Kriminalfall aus dem
Wien Maria Theresias
„Mir warat’n jetzt do,
Eicher Gnåden.“
Diesen Worten folgte ein
veritabler Hustenanfall, der Hofrat Blecherer aus seinen Gedanken riss.
Eilig stieg er aus und reichte dem Kutscher ein paar Münzen. Dann wandte
er sich um und musterte das imposante, in der Wiener Vorstadt Gumpendorf
gelegene Bürgerhaus. Nichts verriet, dass hier zwei Nächte zuvor ein
Einbrecher vom Hausherrn höchstpersönlich erschossen worden war.
Der Hausherr hieß
Alexander Weißenberg und sollte noch in diesem Jahr von der Kaiserin ob
seiner Verdienste im Bereich der Wissenschaft in den Ritterstand erhoben
werden. Weißenberg nahm seit Jahren an botanischen Expeditionen nach
Afrika und in die Neue Welt teil. Von dort brachten er und seine Begleiter
überraschende Erkenntnisse sowie unbekannte Pflanzen für die Universität
Wien mit. Sein Name verfügte in Fachkreisen über allerhöchste Reputation.
Wie Polizeidirektor Graf Pergen bei der soeben stattgefunden Unterredung
nachdrücklich klar gestellt hatte.
Deshalb war es völlig
inakzeptabel, diesen Mann wie einen dahergelaufenen Verbrecher zu
behandeln. Was Anton Pikall, Blecherers Adlatus, getan haben sollte. Und
das wiederum hatte dazu geführt, dass Blecherer jetzt vor dem Tor der
Weißenbergschen Villa stand und den Türklopfer betätigte, um persönlich
Abbitte zu leisten.
Eine grauhaarige Frau mit
weißer Schürze öffnete nach geraumer Weile und sah ihn unfreundlich an.
„Hofrat Blecherer, küss
die Hand, ich möchte den Hausherrn sprechen“, sagte er und versuchte ein
gewinnendes Lächeln, das an dem weiblichen Zerberus abglitt wie Schnee von
einer heißen Herdplatte.
Mit einer Kopfbewegung
bedeute ihm die Frau, ihr zu folgen. Blecherer tat wie ihm geheißen und
blickte sich dabei unauffällig um. Die Einrichtung konnte als gediegen
bezeichnet werden, allerdings war sie schon einige Zeit aus der Mode und
auch die Farben der Seidentapeten hatten ihren Glanz längst verloren.
Ohne anzuklopfen, öffnete
die Frau eine Zimmertür und bellte in den Raum: „Konrad Eckerer wünscht
Sie zu sprechen, Gnä’ Herr.“
Blecherer seufzte unhörbar. Nicht nur griesgrämig, sondern auch
schwerhörig. Sie winkte ihn näher und noch im Gehen zog er seine
Visitkarte aus der Manteltasche.
Alexander Weißenberg saß
hinter einem wuchtigen Schreibtisch, auf dem sich Bücher, Aktenmappen und
lose Zettel stapelten. Er blickte Blecherer entgegen und auf seinem
hageren Gesicht lag ein fragender Ausdruck.
„Konrad Eckerer? Nun, ich
kann mich beim besten Willen nicht ...“
„Hofrat Ferdinand
Blecherer von der Wiener Stadtpolizei.“
Er reichte Weißenberg
seine Karte.
„Ach, Sie kommen wegen
dieses unerfreulichen Vorfalls. Lassen Sie mich Ihnen versichern, dass
bereits jemand in dieser Angelegenheit vorgesprochen hat. Ein
impertinenter junger Hund namens ...“
„Pikall“, ergänzte
Blecherer.
Weißenberg nickte und
forderte ihn auf, sich zu setzen. „Richtig. Stellte
mir Fragen, als ob ich der Verbrecher wäre und nicht dieses
Subjekt, das sich in finsterer Nacht in mein Haus geschlichen hat.“
Blecherer unterdrückte die
Antwort, die ihm auf der Zunge lag und sagte stattdessen: „Er ist manchmal
etwas übereifrig, aber das ist einmal das Vorrecht der Jugend. Sollten Sie
sich durch sein Gebaren beleidigt gefühlt haben, dann möchte ich in aller
Form dafür um Entschuldigung bitten.“ Er machte eine Pause, konnte sich
aber dann doch nicht einer kleinen Spitze enthalten. „Letztlich sind wir
bestrebt zu verhindern, dass das Verbrechen in unserer Stadt Fuß fasst –
keine leichte Aufgabe, denn natürlich zieht die Hauptstadt eines so
riesigen Reiches allerlei Gesindel an.“
Er erwiderte Weißenbergs
Blick unschuldig. So, als ob er nicht wüsste, dass Weißenbergs Eltern aus
Mähren nach Wien gekommen waren und ihren Namen eindeutschen lassen
hatten.
Weißenberg kniff den Mund
zusammen, sagte aber nichts.
Blecherer begann die
Fakten zu memorieren, die Pikall ihm genannt hatte. „Es passierte hier, in
Ihrem Arbeitszimmer?“
„Ja“, antwortete sein
Gegenüber. „Ich kam nach Mitternacht von einem Treffen befreundeter
Botaniker heim und entdeckte einen Lichtschein unter der Tür dieses
Zimmers. Sicherheitshalber holte ich meine Pistole, die ich auf meinen
Expeditionen mitführe und betrat sodann mein Arbeitszimmer. Ein
dunkelhäutiger Mann wühlte in den Unterlagen auf meinem Schreibtisch. Die
Schubladen hatte er herausgezogen und den Inhalt über den Boden verstreut.
Vermutlich war er auf der Suche nach Wertsachen.“
„Man hat nichts bei ihm
gefunden.“
Weißenberg zuckte mit den
Schultern. „Ich bin kein vermögender Mann.“
„Das wird sich ja mit
Ihrer Erhebung in den Ritterstand ändern“, entgegnete Blecherer
teilnahmsvoll.
„Ganz bestimmt nicht.“
Weißenberg lachte bitter. „Ein Titel ohne Wert. In jeder Beziehung. Nach
wie vor werde ich auf Knien um finanziellen Beistand für Expeditionen
betteln müssen und potentiellen Geldgebern Honig ums Maul schmieren, damit
sie ein paar elende Münzen locker machen. Das Brot der Wissenschaft ist
ein hartes, aber darüber macht sich kaum einer Gedanken.“
Blecherer überging den
larmoyanten Einwurf und fragte: „Die Nachforschungen ergaben, dass der
Mann vom Garten aus eingedrungen ist. Er schlug die Fensterscheibe der Tür
ein und drehte einfach den innen steckenden Schlüssel. Etwas leichtsinnig
...“
„Wie gesagt, ich bewahre
hier keine Wertgegenstände auf.“
„Hat Ihre Haushälterin
nichts gehört?“
„Sie haben selbst bemerkt,
dass sie schwerhörig ist. Lina war schon bei meinen Eltern in Dienst, und
obwohl das Alter nicht sanft mit ihr umspringt, will ich sie nicht
entlassen. Meine Bedürfnisse sind gering ... und was hätte sie schon gegen
den Einbrecher ausrichten können?“
Blecherer erschien die
plötzliche Humanität seines Gesprächspartners leicht übertrieben, aber
bevor er sich darüber Gedanken machen konnte, fragte Weißenberg: „Weiß man
irgendetwas über diesen Zigeuner? Ich meine, wo er herkam und was er in
meinem Haus suchte?“
„Es ist nicht sicher, ob
er ein Zigeuner ist. Nicht jeder mit schwarzem Haar, Schnurrbart und
brauner Haut ist ein Zigeuner. Aber um Ihre Frage zu beantworten, nein,
wir wissen bisher nichts über ihn.“ Er runzelte die Stirn. „Haben Sie
einen Verdacht?“
„Ich? Nein. Der Mann war
mir völlig unbekannt. Es ist nur ...“
„Was?“
„Ich habe mir in den
letzten Tage meine Gedanken gemacht, und ... vielleicht ...“, er brach ab.
„Vielleicht?“, wiederholte
Blecherer mit einem Anflug von Ungeduld.
„Nun, es wäre möglich,
dass ihn jemand geschickt hat.“
„Könnten Sie mir erklären,
was Sie damit meinen? Gerade sagten Sie, dass es im Haus keine
Wertgegenstände gibt.“
„Für einen gewöhnlichen
Dieb gibt es hier nichts zu holen, aber natürlich habe ich Konkurrenten,
die an den Ergebnissen meiner Arbeit interessiert sind.“ Er deutete auf
den Stapel Papiere vor sich.
Das war immerhin ein
Ansatzpunkt. „Können Sie mir konkrete Namen nennen?“
Weißenberg lehnte sich in
seinem Sessel zurück. „Natürlich nicht.“
Blecherer stand auf und
trat näher an den Schreibtisch. „Ich darf doch?“
„Wenn es Ihnen
weiterhilft.“
Blecherer überflog die vor
ihm liegenden Dokumente. Zum Großteil handelte es sich um Beschreibungen
verschiedener Pflanzen und Expeditionsberichte aus aller Herren Länder.
Aufmerksam betrachtete er detailgetreue Zeichnungen, die Blüte, Blätter
und Wurzeln zeigten, sowie Querschnitte durch den Kelch und vergrößerte
Abbildungen der Samenkörner. Vereinfachte Land- und Seekarten mit
botanischen Notizen am Rand. Durchaus interessant, aber das brachte ihn
auch nicht weiter. Um herauszufinden, wer an diesen Dingen Interesse haben
könnte, waren ausgedehnte Recherchen notwendig.
Er legte die Papiere
wieder zurück und wollte sich schon mit einigen nichtssagenden Worten
verabschieden, als eine Zeichnung seine Aufmerksamkeit erregte. Eine
kleine blaue Blume mit zarten, fedrigen Blättern war darauf zu sehen.
Darunter stand in der üblichen Schönschrift „Weißenbergia elegans“.
Blecherer hob die Skizze
hoch und sah Weißenberg fragend an. Eine leichte Röte färbte die Wangen
des Mannes und er schien einen Moment lang verlegen. Dann fing er sich.
„Diese Pflanze habe ich auf meiner letzten Reise in Ostafrika entdeckt. Es
ist eine neue Spezies, darum trägt sie meinen Namen.“ Er griff nach der
Zeichnung und betrachtete sie versunken.
Blecherer räusperte sich.
„Dann will ich nicht länger stören, Herr Weißenberg. Wenn die Recherchen
etwas ergeben, melde ich mich wieder bei Ihnen.“
Weißenberg hob den Kopf
und blinzelte desorientiert. „Oh ja, natürlich. Kommen Sie, ich bringe Sie
zur Tür.“
Gemeinsam gingen sie den
Flur entlang. Durch das Oberlicht einfallende Sonnenstrahlen beleuchteten
Spinnweben, die von einem trüben Kristallluster hingen und sich im Luftzug
wiegten. Weißenberg bemerkte sie nicht. Er hielt noch immer die Zeichnung
in der Hand.
„Darum geht es“, sagte er
statt eines Abschieds zu Blecherer und öffnete die Tür. „Geld und Titel
sind nichts als schillernde Seifenblasen im Odem der Geschichte. Aber das
hier überdauert Kriege und Völker und Dynastien. Noch in Hunderten von
Jahren wird man meinen Namen kennen.“
* * *
Pikall erwartete Blecherer
bereits gespannt. „Hast du diesem arroganten Ar...“
„Du weißt, ich lege Wert
auf gepflegte Sprache“, unterbrach ihn Blecherer. „Und ja, ich habe Herrn
Weißenberg ... mein Bedauern über dein unangemessenes Betragen
übermittelt. Wie schaffst du es nur immer wieder, dich derart in die
Nesseln zu setzen?“
Pikall grinste
unbekümmert. „Bin eben von Natur aus ein fähiges Bürschchen.“
„A propos Natur, in diese
Richtung werden unsere Nachforschungen wohl gehen. Weißenberg ist der
Ansicht, dass es sich um einen Auftragsdiebstahl handelt, der auf die
Ergebnisse seiner Arbeit abzielt. Das heißt, wir müssen uns mit der Elite
der heimischen Wissenschaft herumschlagen. Und bei deiner bekannt
despektierlichen Art im Umgang mit Autoritäten bleibt mir wieder die
meiste Arbeit“, seufzte Blecherer. „Wenn ich nur wüsste, wo ich anfangen
soll und wem ich dabei besser nicht auf die Zehen trete. Gibt es
Neuigkeiten über die Identität des Einbrechers?“
Pikall schüttelte den
Kopf. „Nein, und ...“
Zaghaftes Klopfen
unterbrach seine Rede und die Zimmertür wurde vorsichtig geöffnet. Ein
junger Mann, den seine schwarze Kleidung noch schmächtiger aussehen ließ,
als er ohnehin schon war, trat zögernd ein. „Guten Tag, meine Herren“,
sagte er leise, aber bestimmt. „Mein Name ist Clemens Figlmüller. Ich bin
der stellvertretende Leiter der Hofgärten in Schönbrunn und der Assistent
von Nikolaus von Jacquin, dem Rektor des botanischen Instituts der
Universität. In dieser Eigenschaft kümmere ich mich auch um die
Korrespondenz von Professor Jacquin, der sich gegenwärtig auf einer
Vortragsreise in Prag und Olmütz befindet.“ Er machte eine Pause. „Man
sagte mir, ein Hofrat Blecherer sei für den Einbruch bei Professor
Weißenberg zuständig?“
„Das ist richtig, Herr
Figlmüller. Was kann ich für Sie tun?“
Der junge Mann lächelte
und rückte umständlich seine Brille zurecht. „Ich habe hier ein Dokument,
das für Sie von Interesse sein könnte.“
Er zog einen Brief aus
seiner Brusttasche und reichte ihn Blecherer. Das Siegel war bereits
gebrochen, trug aber keinen Abdruck, der Rückschlüsse auf den Verfasser
zuließ. Sorgfältig faltete Blecherer das Blatt auseinander und studierte
den Inhalt. Im Raum war es so ruhig, dass man eine Stecknadel fallen hätte
hören können.
Nach einer kleinen
Ewigkeit hob Blecherer den Kopf und fragte: „Was ist Papaver rhoeas?“
Das Lächeln auf dem
Gesicht des Botanikers vertiefte sich. „Klatschmohn.“
* * *
Als Blecherer und Pikall
im Weißenbergschen Refugium eintrafen, saß der Hausherr gerade beim
Abendessen. Jovial winkte er die beiden näher.
„So setzten Sie sich doch,
meine Herren. Ah, Herr Hofrat, diesmal haben Sie Ihr Schülerlein
mitgebracht. Soll wohl Ihre distinguierten Art erlernen?“
„Auch ich habe meine
Verpflichtungen“, antwortete Blecherer trocken. „Eine davon ist, die
Jugend zu gefälligem Umgang mit den Bürgerinnen und Bürgern dieser Stadt
anzuleiten.“
Weißenberg säbelte an
seinem Fleischstück und fragte: „Ich nehme an, es sind Neuigkeiten, die
Sie herführen.“
Blecherer nickte. „Bevor
ich konkreter werde, möchte ich Sie bitten, mir meine mehr als vagen
Vermutungen über die allgemeinen Vorgänge bei Expeditionen und
Forschungsreisen zu bestätigen.“
„Wenn es meine
bescheidenen Fähigkeiten erlauben, gerne.“
„Danke. So weit ich weiß,
werden Expeditionen gegenwärtig unter der Schirmherrschaft zahlreicher
europäischer Regenten durchgeführt, mit den unterschiedlichsten Zielen.“
Er blickte Weißenberg an, der nickte.
„Es ist also nicht
ausgeschlossen, dass sich die Teilnehmer verschiedener Expeditionen in den
großen Hafenstädten begegnen.“
„Richtig.“ Weißenbergs
Miene verriet höfliches Desinteresse.
“Gut. Nehmen wir weiter
an, ein einsamer junger Mann beweint am Tisch einer Taverne in ... sagen
wir ... Alexandria den Verlust seiner Kameraden. Einer nach dem anderen
war den Folgen von Fleckfieber, Ruhr oder Malaria erlegen. Als Einziger
hatte er all den Unbillen getrotzt und war froh, einem interessierten
Zuhörer sein Herz ausschütten zu können. Natürlich erzählt er auch von den
Ergebnissen der Expedition. Von der unbekannten Pflanze, die er in den
Tiefen Afrikas entdeckt hat. Und natürlich fühlt er sich geschmeichelt,
als sein neuer Freund, selbst ein profunder Kenner der Botanik, das kleine
Pflänzchen zu sehen wünscht.“
Eine Ader an Weißenbergs
Stirn schwoll an. „Sie ...“
„Man traf sich am nächsten
Morgen, und der junge Mann nahm seinen neuen Freund mit in seine
Unterkunft. Dort zeigte er ihm das unbekannte, namenlose Pflänzchen, das
kränkelte seit man es aus seiner gewohnten Umgebung gerissen hatte.
Natürlich beunruhigte ihn der Zustand seiner Entdeckung, aber
glücklicherweise hatte er auch ein Döschen voller Samenkörner und eine
Zeichnung von der gesamten Pflanze. Das sollte für die Dokumentation
ausreichend sein, wie ihm auch sein neuer Freund bestätigte. Dieser bot
ihm sogar an, die Dinge an sich zu nehmen und sie für ihn aufzubewahren.
Nun war unser Held zwar jung, aber nicht dumm. Er lehnte dankend ab. Dass
er noch am gleichen Abend in einer dunklen Seitengasse niedergeschlagen
und seiner wenigen Wertsachen beraubt wurde, mag Zufall sein. Als er bei
seiner Rückkehr in die Pension jedoch feststellen musste, dass die
Samenkörner, die Zeichnungen und Berichte über die Expedition gestohlen
worden waren, relativierte sich dieser Zufall schnell. Ebenso, wie das
Verschwinden seines neuen Freundes. Unser junger Mann – nennen wir ihn der
Einfachheit halber Luigi – brachte schnell in Erfahrung, dass an diesem
Tag nur ein Schiff den Hafen verlassen hatte und ...“
Klirrend fiel das Besteck
aus Weißenbergs Händen. „Damit kommen Sie nie durch. Sie haben keine
Beweise.“ Er sprang auf und zerrte an der Serviette, die er um den Hals
gebunden hatte.
Blecherer betrachtete ihn
nachsichtig. „Vielleicht nicht im Augenblick.“
„Lügen. Alles Lügen. Ich
werde mich über Sie beschweren. Beim Polizeidirektor. Beim Minister. Und
bei der Kaiserin.“ Weißenbergs Teint changierte mittlerweile ins Purpurne.
„Das steht Ihnen frei,
aber ich bin noch nicht fertig. Ein älterer, abgeklärter Mann hätte
vielleicht resigniert, Luigi jedoch – ungestüm und übereifrig wie die
Jugend nun einmal ist - folgte den Spuren des Diebes nach Europa und fand
ihn schließlich auch. Er beobachtete ihn einige Tage und überlegte, wie er
vorgehen sollte. Leider kam er dabei nicht auf die naheliegendste Lösung:
die Polizei einzuschalten. Er wollte die Sache persönlich regeln, an die
Ehre des Botanikers appellieren und ihn überzeugen, ihm sein Eigentum
zurückzugeben. Der Dieb zeigte sich verhandlungsbereit und bat Luigi eines
späten Abends in sein Haus. Was genau bei dieser Unterredung passierte,
wissen wir nicht. Wir wissen nur, wie sie endete: mit Luigis Tod.“
„Lügen. Unterstellungen.
Rufmord“, brüllte Weißenberg. „Sie bewerfen ein renommiertes Mitglied der
Universität Wien mit Schmutz. Ihre Worte werden Ihnen noch Leid tun. “
Pikalls Gesicht
reflektierte eine Mischung aus Abscheu und Verachtung. „Die Identität des
Einbrechers herauszufinden, wird mit den uns vorliegenden Informationen
ein Leichtes sein. Ebenso wird sich eruieren lassen, ob Luigi Cavaltone
der einzige Überlebende einer vom Kurfürsten von Sachsen ausgerichteten
Expedition nach Ostafrika war, und ob er sich zum selben Zeitpunkt in
Alexandria aufgehalten hat wie Sie, Professor Weißenberg.“
„Damit kommen Sie nicht
durch“, wiederholte Weißenberg heiser. „Niemals. Dafür ist das Gebräu viel
zu dünn.“
„Einen wildfremden
Einbrecher auf frischer Tat zu erschießen ist eine Sache. Jedoch einen
Mann zu töten, den man kennt – diese Bekanntschaft wiederholt abzustreiten
– rückt den Betreffenden in mehr als nur schiefes Licht“, fuhr Pikall
fort.
Weißenberg schüttelte den
Kopf. „Kenne ihn nicht. Nie gesehen. Beweisen Sie mir das Gegenteil.
Hunderte Europäer sind in Alexandria, Tanger, Tripolis. Das heißt gar
nichts.“
Pikall öffnete den Mund,
aber Blecherer brachte ihn mit einer Handbewegung zum Schweigen. “Ich
hatte mit mehr Einsicht gerechnet, bei einem Mann Ihres Formats. Aber gut.
Nun, Luigi Cavaltone war jung und impulsiv, doch wie wir schon einmal
festgestellt haben, nicht dumm. Obwohl er an das Gute im Menschen geglaubt
hat, sicherte er sich vor dem alles entscheiden Gespräch mit dem Dieb ...“
Blecherer machte einen Schritt auf Weißenberg zu und nagelte ihn mit
seinem Blick fest „... mit Ihnen, Herr Professor Weißenberg, in der Weise
ab, dass er die Fakten in einem Brief niederschrieb und diesen Brief an
die in seinen Augen oberste Instanz, Professor von Jacquin schickte, mit
der Bitte, der Sache nachzugehen, falls er selbst sich nicht innerhalb
einer Woche bei ihm meldete.“
Weißenberg lachte
höhnisch. „Also hat er seine Lügen sogar aufgeschrieben. Und Sie glauben
ihm.“
„Ja, ich glaube ihm.
Einerseits ist die Geschichte für mich plausibel, andererseits war dem
Brief etwas beigelegt.“ Blecherer schnippte ein Stäubchen von seinem
Ärmel. „Luigi hatte keine irdischen Reichtümer, ebensowenig wie Sie,
Professor Weißenberg. Er besaß nur einen Schatz, und diesen Schatz hätte
er keine Minute aus den Augen gelassen: die Samenkörner jener Pflanze, die
nach seinem Willen Cavaltonia caerulea hätte heißen sollen. Er trug diese
Samen eingenäht in seinem Hemd bei sich. Der Dieb konnte zwar die
Aufzeichnungen über die Pflanze und Expedition stehlen, aber nicht die
echten Samenkörner. Im Döschen befanden sich die Samen einer anderen
Pflanze, die in Nordafrika wächst.“ Er machte eine Pause, um die Wirkung
seiner Worte zu unterstreichen. „Der Assistent von Professor Jacquin wird
aus jenen Samen, die dem Brief beilagen, nach der nötigen Ruhezeit
Pflänzchen ziehen. Und Sie, Herr Weißenberg, werden das natürlich auch mit
den Saatkörnern tun, die Sie in Alexandria an sich gebracht haben.
Schließlich müssen Sie Ihren Vortrag für die Universität Wien ja auch
dokumentieren. Wenn die Sämlinge zu Weißenbergia elegans heranwachsen,
sind Sie natürlich von jedem Verdacht reingewaschen und ich quittiere den
Polizeidienst noch am selben Tag. Sollte daraus allerdings Papaver rhoeas,
auch bekannt als gemeiner Klatschmohn werden, dann ...“
„... dann hängt Ihr Arsch
in der Schlinge“, schloss Pikall übereifrig wie immer und grinste von
einem Ohr bis zum anderen.