Autoren  - Strahlende Helden

Siegried Diercker, Birgit Erwin, Leo Wolf, Oliver Wöbbeking, Christiane Kleine, Thomas Kohlschmidt, Claudia Hornung, Andrea Tillmanns, Anne Grießer, Jörg Maurer, Anja Labussek, Tatjana Stöckler, Klaus v.d.L., Olaf D. Nägele, Oliver Hohlstein, Christian Savoy, Nanette Geiger, Barbara Schinko, Silvia Sladek, Dirk Wonhöfer, Fran Henz, J. Th. Thanner, Olaf Trinkt, Sonja Weiller, Oliver Stahmann, Gisela Lipsky, Bernhard Schneider, Heidrun Jänchen, Bernhard Weißbecker, Carmen Pia Günther, Rob Holbach, Judith Stanislawska, Sandra Henke, Armin Rößler, Hans Peter Roentgen, Corinna Jaeger, Cornelia Ehses, Henry Bieneck, Rainer Innreiter, Markus Jendrossek, Ariane Filius, Heike Rau, Gudrun Raab-Demski, Sarah Ress

 

 

Happy-End

Birgit Erwin

 

„Wir sind eine aussterbende Rasse“, sagte der Drache gedankenvoll und klopfte mit dem Schwanz auf den Boden.

Der Zwerg nickte und holte aus alter Gewohnheit seine Pfeife aus der Tasche. Einen Augenblick lang drehte er sie in seinen schwieligen Fingern und betrachtete sie wie einen alten Freund. Dann ließ er sie mit schuldbewusstem Gesicht und einem tiefen Seufzer wieder verschwinden.

„Sag mal“, erkundigte er sich beiläufig, „meinst du, ich sollte mich rasieren?"

„Warum?“, fragte der Drache.

„Ach, nur so“, sagte der Zwerg.

Die Sonne brannte.

Eine kleine Explosion am Ende der Straße ließ sie aufblicken. Eine Gestalt in flatterndem Mantel und Spitzhut eilte, ohne sie zu beachten, um die Ecke. Blitze zuckten um seine Fingerspitzen, und aus seinem Mund kamen unablässig leise Worte. Der obere Teil seines Gesichtes war wettergegerbt, aber um Mund und Kinn war die Haut weiß mit blutigen Kratzern.

„Ich glaube“, entschied der Drache nach reiflicher Überlegung, „du solltest dich nicht rasieren.“

Sie schwiegen und schauten auf die Straße, als warteten sie auf einen Gruß des Mannes mit dem Spitzhut.

„Er war ein guter Freund“, sagte der Zwerg und wandte sich ab. Der Drache wölbte seinen Schlangenhals und ließ ihn unentschlossen auf den Boden sinken.

„Er war einer der besten. Schade. Aber so ist das - wir sind eine aussterbende Rasse.“

Gemeinsam blickten sie dem Magier nach, der vornüber gebeugt über die staubige Straße hastete und in seinen nicht mehr vorhandenen Bart murmelte.

„Er hat jetzt einen Job“, sagte der Drache. „Pfui.“

„Wenigstens darf er noch rauchen.“

„Tja.“

Der Zwerg steckte sich die kalte Pfeife zwischen die Zähne und stieß einen tiefen Seufzer aus.

„Ich wollte das nie sagen, aber…“

„Was?“

„Ich wünschte, es wäre wie früher“, sagte der Zwerg langsam.

Der Drache pustete einen Rauchkringel in die Luft, den der Zwerg gierig einatmete.

„Ich weiß“, sagte er und blinzelte gegen die Sonne.

 

...


Steht auf, wenn ihr Griechen seid

Christian Savoy

 

"Herzlich Willkommen, meine Damen und Herren! Die Ränge sind voll besetzt und es herrscht herrliches Wetter, ideale Bedingungen für die heutige Begegnung, Und eines kann ich Ihnen bereits jetzt versprechen: Es wird eine hochklassige Begegnung, es wird eine emotionale Begegnung! Die Feindschaft zwischen beiden Mannschaften in diesem Regionalderby ist traditionell, und eben vorhin gab es bereits den ersten Eklat, als sich die beiden Kapitäne weigerten, einander die Hand zu geben. Die Nationalhymnen wurden bereits gesungen, jeden Moment kann das vorweggenommene Finale beginnen. Griechenland gegen die Türkei, der beste Angriff gegen die beste Verteidigung, ein ausgeglichenes Match also. Dennoch gilt Griechenland bei den Buchmachern als leichter Favorit, ungeschlagen sind sie ja bisher beide. Nun, das wird sich heute ändern, und wer weiß, vielleicht kann die Türkei heute ihren Heimvorteil nützen und für eine Überraschung sorgen. Beide Mannschaften haben Aufstellung genommen, hoffen wir auf eine spannende Begegnung. Und da - es geht los. Die Griechen im Angriff, so wie wir es von ihnen bereits oft gesehen haben. Sie stürmen aufs türkische Tor, davor hat der Coach der Türken ja gewarnt: Wir müssen die ersten sieben oder acht Jahre überstehen, bis die Griechen müde werden, dann haben wir eine Chance, hat Priamos unlängst bei einer Pressekonferenz gesagt. Genau das aber wollen die Griechen verhindern und möglichst früh alles klar machen. Ja, da sieht man die ganze Routine; was die Griechen machen, hat Hand und Fuß. Schöne Kombinationen Ajax, der ja von Amsterdam umworben wird, lässt Aeneas aussteige, ganz abgebrüht dieser Veteran im Hexenkessel von Troja ...

 

 


Der Hausmeister

Jörg Maurer

 

Alois Sauerbrey war Hausmeister des Wohnkomplexes A-4, er schlurfte mürrisch den Gang der Anlage A-98 entlang, klingelte an der Wohnung 201-423 und wartete. Aus irgendeiner Wohnung hörte man I'm dreaming of a white Christmas. Sauerbreys Laune wurde davon nicht besser und er klingelte nochmals. Im Inneren der Wohnung rührte sich nichts, so rief er in seinem breiten, niederbayerischen Dialekt durch die geschlossene Tür: "Kreizkruzifix, jetzt machens halt auf!"

Jetzt erst hörte man eine zaghafte helle Stimme von innen: "Ja, hallo! Wer ist denn da?"

"Ja, wer wird schon da sein? Der Hausmeister halt. Sie habn mich doch gerufen."

"Herr Sauerbrey? Ja, endlich sind Sie da."

"Was soll das heißen: Endlich? Ich lass alles stehn und liegen am Feiertag, und dann solche Vorwürfe!"

"Das meinte ich nicht als Vorwurf. Ich meinte es eher im Sinne von: Gottseidank sind Sie da!"

Der Hausmeister wurde jetzt zornig und schrie: "Machens jetzt endlich auf! Zefixhalleluja! Zuerst tut er recht pressant, klingelt mich am Feiertag vom Gabentisch weg, dann lasst er mich da waren. Aufmachen, oder ich geh wieder!"

Jetzt begann der Mieter innen auch zu schreien, aber verzweifelt: "Halt, Herr Sauerbrey! Das ist ja das Problem. Bei mir funktioniert etwas mit der digitalen Versorgungsanlage nicht. Und da gehört wohl die Türautomatik dazu."

...


Der Vampir von Wien  

Fran Henz                                                                        

Das Jahr 1564 war für Poeten ein gutes. Das, Freunde, könnt ihr mir wohl glauben. Auf der Insel, der britischen, erblickte mein Kollege Will Shakespeare das Licht der Welt und auch ich, Tobias Melchianus, tat unter meinem Geburtsnamen Hans Spatzenklein den ersten Schrei in einer Kemenate in Ottakring bei Wien. Fast 450 Jahre sind seitdem vergangen und wie ihr seht, lebe ich noch  immer.

Will und ich, wir haben viel gemein, den scharfen Blick, die hohe Stirn, aber eines trennt auf ewig uns und unabänderlich: längst schon tot ist er, sein Körper verfall’nes Fleisch in feuchtem Lehm, doch seine Werke leben fort in jedem Hause, in jedem Kopf.

Was mich betrifft, verhält es sich genau verkehrt. Zwar leb ich, doch meine Werke liegen tot danieder. Kein Roman, kein Drama, kein Gedicht aus meiner Feder schmückt die Bibliotheken und Theater dieser Welt. Nichts als leere Hülle ist mein Name.

Gleichwohl, der Tag ist nun gekommen, an dem das Blatt sich wendet, so viel ist jetzt gewiss. Legende wird mein Name werden, ehrfurchtsvoll geflüstert und festgeschrieben in den Chroniken der Zeit.

...

^^ UP ^^

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