Der Stachel der Erinnerung - Leseprobe

 

 

Auf einer Insel im Eismeer wird ein Wikingerbestattungsschiff gefunden. Statt der erwarteten Schätze gibt es jedoch nur eine Maske und silberne Fesseln. Die Maske versetzt die Historikerin Tessa Wernhardt ins Zeitalter der Wikinger. Dort ist sie Alva, die Sklavin der jungen Meldis. Gegenwart und Vergangenheit vermischen sich, bis Tessa erkennt, dass sie Meldis’ Schicksal in ihren Händen hält. Und der einzige Mensch, der ihr dabei helfen könnte, das Leben des Mädchens zu retten, lebt gefangen in schmerzhaften Erinnerungen, gleichgültig seiner Umwelt gegenüber und ohne das geringste Interesse, an diesem Zustand etwas zu ändern …

Eine Zeitreise-Liebesgeschichte mit Beteiligung der nordischen Götterwelt.

 

 

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Tessa - in Alvas Gestalt - fährt mit Meldis und ihrer Familie zu einem Fest der Wikingergemeinschaft

 

Nach dem Mittagessen, zu dem es warme Brotfladen mit gesalzener Butter gab, wurde ein großer Holzwagen von den Männern herbeigezerrt und ein Pferd davor gespannt. Arne kutschierte selbst, und sein ältester Sohn saß neben ihm, während Zora, mit den beiden Mädchen auf der Pritsche bei den anderen Platz nahm.

Tessa hatte kein Zeitgefühl, sie schätzte, dass das Pferd gut drei Stunden über die unbefestigten Straßen zuckelte. Während der Fahrt kämmten die Mädchen das Haupthaar und die Bärte der Männer und frisierten sich schließlich auch selbst. Vorher hatten schon alle Festkleidung angelegt. Bernsteinketten, ziselierte Fibeln aus Silber und Bergkristall schmückten die Kleidung. Arnes Mantel lag sorgfältig gefaltet auf Zoras Schoß.

Sie kamen an anderen Siedlungen vorbei, und kurz bevor sie die Jarlsfeste erreichten, fuhren sie mit zahlreichen neu dazugekommenen Wagen im Konvoi. Das Fest musste tatsächlich etwas Besonderes sein, wenn von nah und fern Gäste eintrafen.

Die Feste selbst bestand aus einem guten Dutzend gewaltiger Langhäuser samt Nebengebäuden, die durch einen Verteidigungswall geschützt wurden. Die ganze Anlage befand sich direkt am Meer und schon bei der Anfahrt sah Tessa die Flotte der Drachenboote im Hafen liegen.

Die Wagen mussten vor dem Wall halten und alle Passagiere zu Fuß in die Feste marschieren. Schon von hier hörte man die Spielleute musizieren. Auf dem weiten Platz zwischen den Häusern standen Holztische und Bänke. Über zwei Feuerstellen brieten Wildschweine am Spieß und etliche Fässer Bier standen bereit. Mägde schenkten bereits eifrig an die Anwesenden aus. Der Tisch des Jarls stand auf einem Podium, sichtbar für alle. Zusätzlich machte ein mächtiger, mit aufwendigen Schnitzereien verzierter Stuhl – eigentlich schon ein Thron – seine Stellung klar.

Noch war dieser Stuhl allerdings frei.

Tessa hielt sich unauffällig an Meldis, die sich unter die Gäste mischte und mit ihnen lachte. Immer wieder wurde sie freudig begrüßt und nach einer Weile scharte sich eine Gruppe junger Männer um sie. Meldis schäkerte mit ihnen herum, aber Tessa merkte auch, dass es eine Grenze gab, die dabei nicht überschritten wurde. Auf sie selbst achtete niemand, und das gab ihr Gelegenheit, alles zu beobachten. Wenn sie sich konzentrierte, fielen ihr die Namen der Anwesenden ein und manchmal auch etwas von deren Lebensgeschichte. Sie ließ die Dinge einfach auf sich wirken und wartete mit einer gewissen Spannung, was weiter passieren würde.

„Meldis, welche Freude dich zu sehen.“ Ein Mann drängte sich durch die Schar der Bewunderer. Er war älter als die anderen, bestimmt über zwanzig, und er schien Tessa auf seltsame Weise vertraut, obwohl sie ihn mit Sicherheit noch nie gesehen hatte. Er hieß Serre und er war der älteste Sohn von Erik Ulfsson, dem der Nachbarhof von Arne gehörte. Seit einigen Wintern lebte er jedoch in der Jarlsfeste und gehörte zum direkten Gefolge des Jarl. Wie den meisten Männern hier fiel ihm das dichte blonde Haar in Locken auf die Schultern, allerdings trug er im Vergleich zu den wild wuchernden Gestrüppen der anderen einen kurz gestutzten Vollbart. Von seiner rechten Schläfe hingen drei dünne Zöpfchen, an deren Enden Bernsteinperlen befestigt waren. „Und jedes Mal, wenn ich dich sehe, wirst du schöner.“ Er lächelte und zeigte dabei starke weiße Zähne.

Meldis warf den Kopf in den Nacken. „Serre, ich glaube, dein Vater sucht dich.“ Ihre Stimme klang kühl und abweisend.

„Ach, der kann warten. Ich habe gehofft, dass du kommst und wir etwas Zeit füreinander haben.“ Er betrachtete sie mit einem Blick, der Tessa nicht im Unklaren ließ, dass er diese Zeit nicht mit Gesprächen über die Aussaat von Gerste verschwenden würde.

Meldis sah ihn nur böse an, also sagte sie im Bestreben, ihr zu Hilfe zu kommen. „Meldis hat noch zahlreiche Verpflichtungen, ihre Zeit ist beschränkt.“

Sie hörte beinahe, wie Meldis die Luft anhielt. Serres kühle blaue Augen richteten sich auf sie. „Sprichst du jetzt schon für deine Herrin, Alva? Deine Aufgaben scheinen ja ohne Zahl zu sein.“

Tessa spürte, wie sie rot wurde. Verdammt, sogar in dieser Zeit wurde sie rot! Das war doch nicht zu fassen!

Sie räusperte sich, aber ehe sie etwas erwidern konnte, sagte Meldis ruhig. „Der Jarl ist der Oheim meiner Mutter. Ich werde heute Verpflichtungen haben, Serre, das weißt du und das weiß auch Alva. Aber es sind so viele Mädchen hier, ich bin sicher, dass sich eines davon von dir die Zeit vertreiben lässt.“

Jetzt war es Tessa, die den Atem anhielt. Eine derartige Abfuhr vor Zeugen musste einem Mann aus dieser Zeit recht hart ankommen. Nicht nur dieser Zeit, sondern jeder Zeit.

Fast erwartete sie einen Zornesausbruch, aber der Mann lächelte sie unbekümmert an und antwortete ruhig. „So sei es, Meldis. Aber wer weiß, vielleicht findest du irgendwann in diesen Tagen doch ein freies Stündchen für mich.“ Mit diesen Worten entfernte er sich.

Meldis tauschte einen schnellen Blick mit Tessa und wandte sich dann wieder an die sie umringenden Männer, um mit ihnen ein belangloses Gespräch aufzunehmen.

Nach und nach begab man sich zu Tisch, Meldis blieb bei ihrer Familie und Tessa blieb bei Meldis. Sie saß mit den anderen Sklaven am Ende des Tisches. Man stellte ihnen Schüsseln mit Brei und Fladenbroten hin, von dem reichlich aufgetischten Wildschwein und dem Met bekamen sie nichts.

Der Einzug von Ole Tanstrøm, dem hiesigen Jarl, und seines Gastes wurde mit Trommelschlägen und wilden Pfeifenklängen angekündigt. Gemeinsam mit seiner Frau bezog er den Platz auf dem Podium und rückte dem Landaujarl, der mit zwei seiner Gefolgsmänner neben ihm stand, eigenhändig den Sessel zurecht. Sofort wurden versilberte Trinkhörner aufgetragen, und mit schäumendem Bier gefüllt.

„Auf den Landaujarl, unseren Freund und Verbündeten im Süden. Mögen wir gemeinsam Ruhm und Ehre erkämpfen. Zu Thors Gefallen und dem Gefallen unseres guten Königs Harald.“ Der Tanstrømjarl prostete seinem Gast zu und die Menge applaudierte begeistert.

„Ruhm und Ehre für Thor und König Harald“, brüllten die Männer zurück.

Tessa, die für Betrunkene noch nie etwas übrig gehabt hatte, begann sich langsam, aber sicher unwohl zu fühlen. Vage erinnerte sie sich an Beschreibungen von Wikinger-Orgien, in denen weibliche Sklavinnen fester Bestandteil des Unterhaltungsprogramms gewesen waren. Und das nicht immer freiwillig. Zwar befanden sich unter den Anwesenden auch zahlreiche Frauen und Kinder, aber wer wusste schon, wie das Fest weitergehen würde, sobald sich diese zurückgezogen hatten. Unauffällig begann sie sich nach einer Fluchtmöglichkeit umzusehen und vermied es im Gegensatz zu ihren unmittelbaren Tischnachbarinnen, dem Bier allzu sehr zuzusprechen.

Vielleicht konnte sie sich in einem der Ställe verbergen, ehe es zum Äußersten kam. Oder machte sie sich etwa völlig umsonst Sorgen, weil sie Meldis’ persönliche Sklavin und damit unberührbar war? Aber wollte sie es darauf ankommen lassen?

Sie wollte nicht. Als sie den Zeitpunkt für gekommen hielt, stand sie auf und schlenderte zu den Häusern. Dabei überzeugte sie sich unauffällig, dass ihr niemand folgte. Der Platz der Feier wurde zwar mit Fackeln beleuchtet, aber an den Hauswänden gab es nur hie und da eine Talgfunzel unter einem Glassturz. Tessa tastete sich vorwärts. Die Situation machte ihr Angst, und sie spürte, wie sich ihr die Kehle zuschnürte. Sklaven hatten keine Rechte. Sie waren ein Ding, ein Besitzstück, nichts weiter. Arne würde sich nicht darum kümmern, wenn jemand sie schlug oder vergewaltigte. Nur wenn ihre Arbeitskraft darunter litt, konnte er Schadenersatz verlangen, weil sein Besitz beschädigt worden war. Sie selbst als Individuum zählte nichts. Auf jeden Fall aber weniger als ein Pferd oder ein Schwein. Und nachdem es nicht danach aussah, als würde sie innerhalb der nächsten Minuten zurück in ihre Zeit gelangen, war Vorsicht durchaus angebracht.

   Der Lärm vom Festplatz wurde leiser. Tessa stieß eine Tür auf, die unter dem Druck ihrer Hände nachgab. Im Inneren war es warm und dunkel und es stank nach Vieh. Erleichtertwollte sie hineinhuschen, aber jemand packte sie am Handgelenk und hielt sie fest. „Wohin des Weges, du freches Ding?“

 

 

 

^^ UP ^^

 

 


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