Nach
dem Mittagessen, zu dem es warme
Brotfladen mit gesalzener Butter
gab, wurde ein großer Holzwagen
von den Männern herbeigezerrt und
ein Pferd davor gespannt. Arne
kutschierte selbst, und sein ältester
Sohn saß neben ihm, während Zora,
mit den beiden Mädchen auf der
Pritsche bei den anderen Platz
nahm.
Tessa
hatte kein Zeitgefühl, sie schätzte,
dass das Pferd gut drei Stunden über
die unbefestigten Straßen
zuckelte. Während der Fahrt kämmten
die Mädchen das Haupthaar und die
Bärte der Männer und frisierten
sich schließlich auch selbst.
Vorher hatten schon alle
Festkleidung angelegt.
Bernsteinketten, ziselierte Fibeln
aus Silber und Bergkristall schmückten
die Kleidung. Arnes Mantel lag
sorgfältig gefaltet auf Zoras
Schoß.
Sie
kamen an anderen Siedlungen
vorbei, und kurz bevor sie die Jarlsfeste
erreichten, fuhren sie mit
zahlreichen neu dazugekommenen
Wagen im Konvoi. Das Fest musste
tatsächlich etwas Besonderes
sein, wenn von nah und fern Gäste
eintrafen.
Die
Feste selbst bestand aus einem
guten Dutzend gewaltiger Langhäuser
samt Nebengebäuden, die durch
einen Verteidigungswall geschützt
wurden. Die ganze Anlage befand
sich direkt am Meer und schon bei
der Anfahrt sah Tessa die Flotte
der Drachenboote im Hafen liegen.
Die
Wagen mussten vor dem Wall halten
und alle Passagiere zu Fuß in die
Feste marschieren. Schon von hier
hörte man die Spielleute
musizieren. Auf dem weiten Platz
zwischen den Häusern standen
Holztische und Bänke. Über zwei
Feuerstellen brieten Wildschweine
am Spieß und etliche Fässer Bier
standen bereit. Mägde schenkten
bereits eifrig an die Anwesenden
aus. Der Tisch des Jarls stand auf
einem Podium, sichtbar für alle.
Zusätzlich machte ein mächtiger,
mit aufwendigen Schnitzereien
verzierter Stuhl – eigentlich
schon ein Thron – seine Stellung
klar.
Noch
war dieser Stuhl allerdings frei.
Tessa
hielt sich unauffällig an Meldis,
die sich unter die Gäste mischte
und mit ihnen lachte. Immer wieder
wurde sie freudig begrüßt und
nach einer Weile scharte sich eine
Gruppe junger Männer um sie.
Meldis schäkerte mit ihnen herum,
aber Tessa merkte auch, dass es
eine Grenze gab, die dabei nicht
überschritten wurde. Auf sie
selbst achtete niemand, und das
gab ihr Gelegenheit, alles zu
beobachten. Wenn sie sich
konzentrierte, fielen ihr die
Namen der Anwesenden ein und
manchmal auch etwas von deren
Lebensgeschichte. Sie ließ die
Dinge einfach auf sich wirken und
wartete mit einer gewissen
Spannung, was weiter passieren würde.
„Meldis,
welche Freude dich zu sehen.“
Ein Mann drängte sich durch die
Schar der Bewunderer. Er war älter
als die anderen, bestimmt über
zwanzig, und er schien Tessa auf
seltsame Weise vertraut, obwohl
sie ihn mit Sicherheit noch nie
gesehen hatte. Er hieß Serre und
er war der älteste Sohn von Erik
Ulfsson, dem der Nachbarhof von
Arne gehörte. Seit einigen
Wintern lebte er jedoch in der
Jarlsfeste und gehörte zum
direkten Gefolge des Jarl. Wie den
meisten Männern hier fiel ihm das
dichte blonde Haar in Locken auf
die Schultern, allerdings trug er
im Vergleich zu den wild
wuchernden Gestrüppen der anderen
einen kurz gestutzten Vollbart.
Von seiner rechten Schläfe hingen
drei dünne Zöpfchen, an deren
Enden Bernsteinperlen befestigt
waren. „Und jedes Mal, wenn ich
dich sehe, wirst du schöner.“
Er lächelte und zeigte dabei
starke weiße Zähne.
Meldis
warf den Kopf in den Nacken. „Serre,
ich glaube, dein Vater sucht
dich.“ Ihre Stimme klang kühl
und abweisend.
„Ach,
der kann warten. Ich habe gehofft,
dass du kommst und wir etwas Zeit
füreinander haben.“ Er
betrachtete sie mit einem Blick,
der Tessa nicht im Unklaren ließ,
dass er diese Zeit nicht mit Gesprächen
über die Aussaat von Gerste
verschwenden würde.
Meldis
sah ihn nur böse an, also sagte
sie im Bestreben, ihr zu Hilfe zu
kommen. „Meldis hat noch
zahlreiche Verpflichtungen, ihre
Zeit ist beschränkt.“
Sie
hörte beinahe, wie Meldis die
Luft anhielt. Serres kühle blaue
Augen richteten sich auf sie.
„Sprichst du jetzt schon für
deine Herrin, Alva? Deine Aufgaben
scheinen ja ohne Zahl zu sein.“
Tessa
spürte, wie sie rot wurde.
Verdammt, sogar in dieser Zeit
wurde sie rot! Das war doch nicht
zu fassen!
Sie
räusperte sich, aber ehe sie
etwas erwidern konnte, sagte
Meldis ruhig. „Der Jarl ist der
Oheim meiner Mutter. Ich werde
heute Verpflichtungen haben, Serre,
das weißt du und das weiß auch
Alva. Aber es sind so viele Mädchen
hier, ich bin sicher, dass sich
eines davon von dir die Zeit
vertreiben lässt.“
Jetzt
war es Tessa, die den Atem
anhielt. Eine derartige Abfuhr vor
Zeugen musste einem Mann aus
dieser Zeit recht hart ankommen.
Nicht nur dieser Zeit, sondern
jeder Zeit.
Fast
erwartete sie einen
Zornesausbruch, aber der Mann lächelte
sie unbekümmert an und antwortete
ruhig. „So sei es, Meldis. Aber
wer weiß, vielleicht findest du
irgendwann in diesen Tagen doch
ein freies Stündchen für
mich.“ Mit diesen Worten
entfernte er sich.
Meldis
tauschte einen schnellen Blick mit
Tessa und wandte sich dann wieder
an die sie umringenden Männer, um
mit ihnen ein belangloses Gespräch
aufzunehmen.
Nach
und nach begab man sich zu Tisch,
Meldis blieb bei ihrer Familie und
Tessa blieb bei Meldis. Sie saß
mit den anderen Sklaven am Ende
des Tisches. Man stellte ihnen Schüsseln
mit Brei und Fladenbroten hin, von
dem reichlich aufgetischten
Wildschwein und dem Met bekamen
sie nichts.
Der
Einzug von Ole Tanstrøm, dem
hiesigen Jarl, und seines Gastes
wurde mit Trommelschlägen und
wilden Pfeifenklängen angekündigt.
Gemeinsam mit seiner Frau bezog er
den Platz auf dem Podium und rückte
dem Landaujarl, der mit zwei
seiner Gefolgsmänner neben ihm
stand, eigenhändig den Sessel
zurecht. Sofort wurden versilberte
Trinkhörner aufgetragen, und mit
schäumendem Bier gefüllt.
„Auf
den Landaujarl, unseren Freund und
Verbündeten im Süden. Mögen wir
gemeinsam Ruhm und Ehre erkämpfen.
Zu Thors Gefallen und dem Gefallen
unseres guten Königs Harald.“
Der Tanstrømjarl prostete seinem
Gast zu und die Menge applaudierte
begeistert.
„Ruhm
und Ehre für Thor und König
Harald“, brüllten die Männer
zurück.
Tessa,
die für Betrunkene noch nie etwas
übrig gehabt hatte, begann sich
langsam, aber sicher unwohl zu fühlen.
Vage erinnerte sie sich an
Beschreibungen von
Wikinger-Orgien, in denen
weibliche Sklavinnen fester
Bestandteil des
Unterhaltungsprogramms gewesen
waren. Und das nicht immer
freiwillig. Zwar befanden sich
unter den Anwesenden auch
zahlreiche Frauen und Kinder, aber
wer wusste schon, wie das Fest
weitergehen würde, sobald sich
diese zurückgezogen hatten.
Unauffällig begann sie sich nach
einer Fluchtmöglichkeit umzusehen
und vermied es im Gegensatz zu
ihren unmittelbaren
Tischnachbarinnen, dem Bier allzu
sehr zuzusprechen.
Vielleicht
konnte sie sich in einem der Ställe
verbergen, ehe es zum Äußersten
kam. Oder machte sie sich etwa völlig
umsonst Sorgen, weil sie Meldis’
persönliche Sklavin und damit
unberührbar war? Aber wollte sie
es darauf ankommen lassen?
Sie
wollte nicht. Als sie den
Zeitpunkt für gekommen hielt,
stand sie auf und schlenderte zu
den Häusern. Dabei überzeugte
sie sich unauffällig, dass ihr
niemand folgte. Der Platz der
Feier wurde zwar mit Fackeln
beleuchtet, aber an den Hauswänden
gab es nur hie und da eine
Talgfunzel unter einem Glassturz.
Tessa tastete sich vorwärts. Die
Situation machte ihr Angst, und
sie spürte, wie sich ihr die
Kehle zuschnürte. Sklaven hatten
keine Rechte. Sie waren ein Ding,
ein Besitzstück, nichts weiter.
Arne würde sich nicht darum kümmern,
wenn jemand sie schlug oder
vergewaltigte. Nur wenn ihre
Arbeitskraft darunter litt, konnte
er Schadenersatz verlangen, weil
sein Besitz beschädigt worden
war. Sie selbst als Individuum zählte
nichts. Auf jeden Fall aber
weniger als ein Pferd oder ein
Schwein. Und nachdem es nicht
danach aussah, als würde sie
innerhalb der nächsten Minuten
zurück in ihre Zeit gelangen, war
Vorsicht durchaus angebracht.
Der Lärm vom Festplatz wurde
leiser. Tessa stieß eine Tür
auf, die unter dem Druck ihrer Hände
nachgab. Im Inneren war es warm
und dunkel und es stank nach Vieh.
Erleichtertwollte sie
hineinhuschen, aber jemand packte
sie am Handgelenk und hielt sie
fest. „Wohin des Weges, du
freches Ding?“