Der
Schatz
„Es muss etwas geschehen,
Männer.“
Die eiserne Entschlusskraft,
für die Capitan
Barba Blanca weit
über das karibische Meer hinaus berühmt war, schwang in seiner Stimme mit.
Wie er mit gespreizten Beinen und vor der breiten Brust verschränkten Armen
auf der Brücke stand und die Lage souverän überblickte, bot er einmal mehr
ein imponierendes Bild von Macht und Autorität. Allerdings blieben
diejenigen, an die sich sein entschlossener Appell richtete, gänzlich
unbeeindruckt.
Juan lehnte mit
geschlossenen Augen am Steuerrad, das mit einem Seil an der Reling fixiert
war, Hernandez schnarchte lautstark in seiner Hängematte und Esteban
inspizierte seinen Zeigefinger, den er gerade aus dem rechten Nasenloch
gezogen hatte.
Diego
Carrida,
auch genannt Barba Blanca, sandte einen Blick gen Himmel, wobei ihm wieder
einmal der jämmerliche
Zustand der Takelage ins Auge sprang. Zwei Stürme noch und die Segel sahen
aus wie Brüssler Spitze.
Es musste etwas geschehen.
Er zog die Pistole aus
seinem Gürtel und schoss in die Luft. Hernandez kippte aus seiner
Hängematte, Juan riss die Augen auf und Esteban wischte sich die Hand an
seinem fleckigen Hemd ab.
„Capitan,
wir folgen dir. In die Hölle und zurück“, riefen die Männer, die ihr
Stichwort kannten.
Diego hörte hinter sich die
Kombüsentür quietschen.
„Zurück wird
schwierig“, sagte eine Stimme mit französischemAkzent. „Wenn man den
Großmast genau betrachtet.“
Diego wandte sich dem Mann
zu, der neben ihm stehen blieb. Louis putzte gewissenhaft seine Brille und
schob sie dann auf die Nase. Schon diese Geste verriet eindeutig den
Klugscheißer in ihm und zum hundertsten Mal fragte sich Diego, warum er ihn
nicht einfach über Bord warf. Aber ein Smutje, der ein genießbares Mahl
zubereiten konnte, war Mangelware. Außerdem verfügte Louis über medizinische
Kenntnisse und hatte mit einer mutigen Amputation zur rechten Zeit schon dem
einen oder anderen das Leben gerettet. Und einen Mann an Bord zu haben, der
Lesen und Schreiben konnte, war auch nicht verkehrt.
„Vorschläge, Louis?“, bellte
er ihn an.
Louis verschränkte die Hände
vor der Brust. „Fakt ist, wir brauchen Geld, um die Chonchita in
einen brauchbaren Zustand zu versetzen. Fakt ist weiter, dass die
Chonchita derzeit kein Seegefecht gewinnen wird. Also ...“
„Sehr schön, Louis,
demoralisiere unsere Männer ...“
„ ... also müssen wir auf
anderem Wege zu Geld kommen“, schloss der Franzose.
„Und zwar?“
„Neulich hörte ich in
Fort-de-France, dass der Comte de Saint-Vire seine Tochter aus Europa
anreisen lassen hat, um sie mit dem Marquis de la Fessange zu verheiraten.“
Er beugte sich vor und schnippte ein Stäubchen von seiner ehemals schwarzen
Jacke. „Wir könnten die Kleine entführen und Lösegeld verlangen. Vom Vater
und vom prospektiven Ehemann.“
Diego hatte zwar keine
Ahnung was prospektiv bedeutete, aber er begriff die Grundidee und sie
gefiel ihm.
Ein junges Mädchen mit
zierlicher Statur zu entführen, sollte für die Mannschaft zu schaffen sein.
Ebenso, wie im Verborgenen abzuwarten, bis die
Dublonen
rollten. Kurzentschlossen ließ er Kurs auf Martinique setzen und ging in
einer Bucht im Norden der Insel vor Anker.
Seine Männer schwärmten aus
und verteilten sich unauffällig auf dem Anwesen des Comte de Saint-Vire, um
die Gegebenheiten auszukundschaften. Louis verfasste derweil zwei höfliche
Briefe mit der Aufforderung, 500 Goldstücke für eine wohlbehaltene Rückkehr
der Comtesse de Saint-Vire an einer geheimen Stelle zu hinterlegen.
„1000 Goldstücke“, addierte
Diego ergriffen. „Damit könnten wir ein neues Schiff kaufen.“
Louis grinste. „Ein Schatz
für einen Schatz.“
Zwei Tage später
überwältigten Diegos Männer die Comtesse bei einem Ausritt mit ihrer Zofe
und brachten sie auf die Chonchita.
Diego hatte sich zur Feier
des Tages ein frisch gewaschenes Hemd gegönnt. Er stand mit Louis auf der
Brücke und wartete, bis die Männer mit dem Opfer über die Reling geklettert
waren. Sie hatten der Frau einen Sack über Kopf und Oberkörper gestülpt,
darum sah er vorläufig nichts, als Berge von Volants und Borten, unter denen
zwei kleine seidenbestrumpfte Füße zappelten. „Lasst sie los und nehmt ihr
den Sack ab“, befahl Diego.
Die Männer gehorchten und
machten dann gleichzeitig einen Schritt von der Gestalt weg. Braune Locken
flogen als sie ihren Kopf zurückwarf. Man hatte ihr den Mund verbunden und
Diego ging zu ihr, um die Binde zu lösen.
Sie spuckte den Knebel auf
die Planken und ließ einen Schwall französischer Worte los. Ihre Stimme war
so hoch und schrill, dass man damit Glas schneiden konnte. Er sah sie
abwartend an, bis sie begriff, dass er kein Wort verstand. Atemlos und sehr
deutlich sagte sie dann: „Imbécile,
crétin,
cochon.“
Und fügte schließlich, um alle Zweifel auszuräumen, ein hoheitsvolles „Puerco“
hinzu.
Diego hörte, wie Louis
hinter ihm fast an einem Lachanfall erstickte. Er besann sich auf seine
Umgangsformen und sagte höflich: „Contessina, die Conchita ist
glücklich, Euch einige Tage an Bord zu haben – solange, bis Euer Vater und
Euer Verlobter unsere geradezu lächerliche Forderung erfüllen. Eine
Unterkunft wurde vorbereitet und ich werde Euch persönlich hinunter
geleiten. Kein Haar wird Euch gekrümmt, und Eure Angehörigen werden ihren
Schatz bald wieder in ihrer Mitte begrüßen können.“
Er bot ihr seinen Arm.
Sie spuckte ihm ins Gesicht.
Langsam wischte er die
Spucke mit dem Ärmel weg. Dann schlug er zu. Nicht mit der flachen Hand,
sondern mit der Faust. Sie taumelte und fiel um.
Louis packte seinen Arm.
„Bist du verrückt? Du kannst sie doch nicht schlagen. Die Ware darf nicht
beschädigt werden.“
Die roten Sternchen vor
Diegos Augen verflüchtigten sich. Er hob den Knebel auf, stopfte ihn in den
Mund seiner Gefangenen und band das Tuch darüber. „Schafft sie nach unten
und verriegelt die Tür.“
Er hatte nicht die Absicht,
auch nur einen Satz mit dem Schatz zu wechseln. Und er hoffte inständig,
dass das Lösegeld bald eintreffen würde.
Die Tage vergingen, ohne
dass man etwas von den Familien Saint-Vire oder de la Fessange hörte. Umso
mehr hörte man dagegen vom Schatz. Sie schrie und tobte, sobald man ihr den
Knebel aus dem Mund nahm und verlangte schließlich, den
Capitan
zu sprechen. Schicksalsergeben ließ er sie zu sich bringen, nicht ohne sich
Louis’ Beistand versichert zu haben.
Sie stand mit verschränkten
Armen vor ihm und musterte ihn von oben bis unten. Er lümmelte sich tiefer
in seinen Sessel und blickte ihr entgegen. Die Schwellung auf ihrem Jochbein
war kaum mehr sichtbar.
„Ich will ein Bad. Ich will
Seife. Ich will frische Kleider. Und ich will Schuhe“, sagte sie nahezu
akzentfrei auf Spanisch, aber ihre Stimme zerrte noch immer an jedermanns
Gehör.
„Contessina,
sobald das Lösegeld da ist, könnt Ihr das alles in reichem Maße genießen“,
erwiderte er ungerührt.
„Wenn Ihr darauf wartet,
dass mein Vater oder Maurice auch nur eine Kupfermünze für mich locker
machen, wird Euer Bart tatsächlich weiß werden.“ Sie ging zum Tisch und nahm
sich einen Apfel. „Mein Vater braucht mich so nötig wie Hautausschlag und er
hat kein Geld. Er ist ein Spieler. Er hat mich an Maurice verspielt.“
Sie biss in den Apfel und
kaute geräuschvoll. „Und Maurice wird sich eher an den Pferden meines Vaters
schadlos halten als mich zurückzukaufen. Noch dazu, wo ich keine Jungfrau
mehr bin.“
Diego tauschte einen
wütenden Blick mit Louis, der nur überrascht die Schultern hob und den Kopf
schüttelte.
„Wer ...“, fing er dann an.
Sie biss wieder in den
Apfel. „Niemand, den Ihr kennt. Also, krieg ich Schuhe und ein Bad und
Kleider? Oder wollt Ihr mich den Fischen zum Fraß vorwerfen?“
Diego sank tiefer in den
Sessel. Konnte denn nichts so laufen, wie es laufen sollte? War er verflucht
seit dem Tage, an dem sich ein blasser Engländer zwischen die Schenkel
seiner Mutter verirrt hatte und ihm nicht nur sein blondes Haar, sondern
auch einen bedauerlichen Mangel an Blutdurst hinterließ?
Jeder andere in seiner Lage
hätte das nutzlose Weibstück samt der schrillen Stimme über die Reling
gekippt – nachdem die Mannschaft ihren Spaß mit ihr gehabt hatte. Aber was
tat er?
„Begebt Euch in Eure Kabine,
ich muss nachdenken.“
Zum Zeichen, dass sie
entlassen war, wedelte er mit der Hand. Sie blieb einen Moment stehen,
drehte sich dann um, und knallte die Tür zu.
Diego zog die Rumflasche
näher. „Was machen wir mit ihr?“
„Wir könnten sie in Santo
Domingo verkaufen. Vorausgesetzt, sie hält den Mund. Jeder, der ihre Stimme
hört, wird Reißaus nehmen, noch bevor die Auktion beginnt.“
„Sie wird nicht viel Geld
bringen“, sagte Diego zwischen zwei Schlucken. „Nicht einmal genug, um das
Rahsegel zu erneuern.“
„Wir können ja später ein
anderes Mädchen entführen“, tröstete ihn Louis und klopfte ihm auf die
Schulter.
Diego starrte trübselig vor
sich hin. „Zuerst müssen wir dieses hier loswerden. Je früher desto besser.“
Die Conchita nahm
Kurs auf Santo Domingo, das innerhalb von sechs Tagen zu erreichen sein
sollte. Der Schatz bekam weder Kleider noch Schuhe und auch kein Bad, aber
Louis gab ihr aus dem Medizinschrank ein Stück Marseiller Seife, was sie
dazu brachte ihr Keifen kurzfristig einzustellen.
Diego hatte nicht vor, ihre
Fragen nach seinen Plänen ihre Person betreffend zu beantworten, was dazu
führte, dass sich sein Wortschatz an französischen Schimpfwörtern täglich
vergrößerte.
In der dritten Nacht erhob
sich ein Sturm, der innerhalb einer halben Stunde zu einem Orkan ausartete
und Diego klar machte, dass sie keine Chance hatten, Santo Domingo zu
erreichen.
Das Schiff ächzte und
stöhnte, als ahnte es, dass sein letztes Stündlein gekommen war. Die Männer
schrien um ihr Leben, doch der Sturm und die von allen Seiten
hereinbrechenden Fluten erstickten jedes Wort.
Diego kämpfte sich zu der
Kabine vor, in der sie den Schatz gefangen hielten und schloss auf. In
völliger Dunkelheit hockte sie in der Nische zwischen Seekiste und Bett.
Ihre Hände hielten das Kreuz fest, das sie um den Hals trug, und sie
murmelte monotone Gebete.
„Kommt“, befahl er barsch.
„Müssen wir sterben?“,
piepste sie und jetzt klang ihre Stimme, als schabe ein Messer über einen
Metallteller.
„Hier unten bestimmt.
Kommt“, wiederholte er und hielt ihr die Hand hin.
Sie griff danach und er
zerrte sie an Deck. In Sekundenschnelle waren ihre Kleider durchnässt und
hingen wie Bleigewichte an ihrer zierlichen Figur. Er achtete nicht darauf,
sondern zog sie weiter zum Großmast. Dort nahm er eines der Taue. Sie keifte
wieder auf ihn ein, doch der Wind trug die Worte davon, ehe er sie verstehen
konnte. Ihre kleinen nassen Fäuste hämmerten auf seine Arme und seine Brust,
aber er drückte sie unbarmherzig an den Mast und knüpfte das Tau so eng und
so oft um ihren Körper, wie er konnte.
Ein Blitz zerriss die
Dunkelheit und ließ ihn ihr furiengleiches Gesicht sehen. Er las die Worte
mehr von ihren Lippen, als dass er sie verstand. „Fahr zur Hölle, Bastard.“
„Einverstanden, und dort
treffen wir uns wieder“, brüllte er zurück, ehe er von einer gigantischen
Welle hochgehoben und wie ein Streichholz davongetragen wurde. Sein Mund
füllte sich mit Wasser und seine Lungen begannen zu brennen. Dann war alles
um ihn herum schwarz.
Feuer. In seiner Brust.
Hinter seinen Augen. Auf jedem Millimeter seiner Haut. Mit einem Keuchen
beförderte er einen Schwall Meerwasser aus seinem Körper und begann zu
husten, als sich seine Lungen mit Sauerstoff füllten. Dann blinzelte er.
Es war Tag. Der Sand unter
ihm weiß. Er hob den Kopf. In einiger Entfernung wiegten sich Palmen im
Wind. Erschöpft blieb er liegen und versuchte die Tatsache zu verarbeiten,
dass er noch am Leben war.
Nach einer Weile richtete er
sich mühsam auf. Neben ihm trieben Holzstücke und Planken. Alles, was von
der Conchita noch übrig war. Mit schleppenden Schritten überquerte er
den Stand, bis er an einer Felswand ankam. Dort ließ er sich fallen und
versuchte eine erste Bestandsaufnahme.
Er hatte keine Ahnung, wo er
sich befand. Die vorgelagerten Inseln waren so winzig und so zahlreich wie
die Sterne am Himmel. Um ihn hier zu finden, musste man ihn erst einmal
suchen, und er kannte niemanden, dem er so ans Herz gewachsen war, dass er
sich um seinen Verbleib Gedanken machen würde. Auch dass es jemanden von
seinen Männern ausgerechnet auf dieses Eiland verschlagen haben sollte, war
mehr als unwahrscheinlich.
Ein Geräusch ließ ihn
aufblicken. Eine Möwe oder ein Albatros, dachte er und blickte an der
Felswand hinauf.
„Capitan“, kreischte es von
oben und Diego fühlte, wie sich seine Nackenhaare einzeln aufrichteten. Die
Hölle war also doch keine Erfindung der Prediger. Sie hatte sogar eine
Stimme.
Und was für eine.