Werner Anthon,
Angelika Brox,
Birgit Erwin,
Gudula Goering,
Michaela Grollegg,
Iris ter Haar,
Fran Henz,
Dietmar Hübner,
Barbara Jung,
Bettina Jungblut,
Malte König,
Silvia Konstantinou,
Anant Kumar,
Sibylle Luithlen,
Michael Metzner,
Ulrich Meurer
Annemarie Nikolaus,
Ingeborg Restat,
Marion Schäfer,
Lutz Schafstädt,
Christoph Schwarzenböck,
Evelyn Sperber,
Achim Wagner,
Sibylle Zimmermann
Träume
Fran Henz
Weitzen, Erzherzogtum Österreich, im Jahre des Herrn 1759
„ICH SOLL DIE HURE DES
KAISERS HEIRATEN?”, brüllte der Mann sein Gegenüber, den Hofrat Julius van
Brede, aufgebracht an.
Der Höfling verbarg
seinen Unmut hinter einem Spitzentaschentuch. Da stand Europa am Rand
eines neuen Krieges, Kuriere eilten mit Depeschen über den Kontinent und
er saß hier, um einem Bauerntölpel mit aufgerollten Hemdsärmeln den Plan
des Oberhofmarschalls Khevenhüller schmackhaft zu machen. Angewidert
steckte er das Taschentuch in seine Manschette und legte die Fingerspitzen
aneinander. „Ich sprach von einer Dame aus dem Freundeskreis seiner
Majestät”, berichtigte er. „Es gilt als große Ehre, eine kaiserliche
Favoritin heiraten zu dürfen.”
„Wisst Ihr, wo Ihr Euch
diese Ehre hinstecken könnt?”, tobte Victor Graf Waaren weiter und beugte
sich über den Tisch, was van Brede erschrocken zurückfahren ließ. Dieser
rothaarige Riese war im Stande, ihn mit seinen Pranken zu erwürgen. Ihn,
der mit der ganzen Sache nichts, absolut nichts zu tun hatte. Erschöpft
sagte er: „Sie bekommt 30.000 Gulden Mitgift.”
Stille.
„Wie viel?”, fragte der
Graf ungläubig.
Van Brede witterte
seine Chance und richtete sich ein wenig auf. „30.000 Gulden”, wiederholte
er lässig, als handle es sich um ein paar Kupfermünzen und nicht um das
Jahressalär eines Ministers. Er beobachtete den Mann, der sich abwandte
und schließlich breitbeinig vor dem Fenster stehen blieb.
...
Als die Farben
Trauer trugen
Silvia
Konstantinou
In
der Mitte der Manege drehte sich ein rotberockter Dompteur elegant mit den
Runden des Schimmels, schwenkte seine Peitsche in schnellen Schleifen, so
dass sie wie eine Girlande durch die Luft fuhr. Ein kunstvolles Bild, das
von zartgliedrigen Artisten untermalt wurde, die ihre Figuren am Rande der
Manege darboten. Sägespäne stoben unter den Hufen des Pferdes auf und
fielen in Fontänen wieder zu Boden, über allem gleißendes Licht.
Dann tosender Beifall. Graziella musste wie jeden Abend eine zusätzliche
Runde drehen. Rosen flogen in die Manege; sie warf Kusshändchen ins
Publikum.
August löste sich vom Vorhang und glitt wie ein Dieb in das Dunkel der
Raubtierkäfige und Wohnwagen, floh zu dem seinen, einem schäbigen alten
Wagen, in dessen Schutz er seinen Kummer verbergen wollte. Graziella,
Unerreichbare! Er war doch nur ein Pausen-Clown, er hatte nicht einmal
eine eigene Nummer.
...
Berts große Liebe
Lutz
Schafstädt
Die Abenddämmerung
hatte begonnen. Bert lenkte den Wagen neben die Waschstraße, zog die
Handbremse an und löste den Gurt. „Gleich“, flüsterte er und holte tief
Luft. Mit einem Taschentuch wischte er sich den Schweiß von den
Handflächen.
Die Flügel der Glastür schoben sich auseinander und Katja kam heraus. Ohne
ihn zu bemerken, ging sie in Richtung Fahrrad.
Bert nahm die bereitgelegte Rose und stieg aus. Er spürte, wie ihm die
Knie weich wurden. Mit beherzten Schritten folgte er Katja. Er musste sie
erreichen, bevor sie ihr Fahrrad bestiegen hatte.
„Hallo, Katja“, sagte er, sah sie sich umwenden und aus dem Halbschatten
heraustreten. Aus unerfindlichem Grund hielt er die Blume hinter seinem
Rücken versteckt wie eine besondere Überraschung.
„Ich habe“, setzte er zu seiner sorgfältig vorbereiteten Erklärung an, als
Katja auf ihn zusprang. Sie hielt ein schwarzes Fläschchen in ihrer Hand
und hob es vor sein Gesicht. Ein plötzlicher Nebel stob hervor. Ein
flammender Blitz nahm ihm die Sicht. Ein glühender Schmerz toste durch
Mund und Nase. Bert röchelte.
...
Hannos erster Kuss
Malte König
Es entbehrt nicht einer
gewissen Tragik, dass der junge Hanno den ersten Kuss seines Lebens bekam,
als er sich gedanklich und körperlich noch kaum gelöst hatte von seinem
Besuch der Zahnarztpraxis Dr. Schindelbaums.
Wie er selbst, so zählte auch
die kleine Judith erst zarte dreizehn Jahre, als sie sich an jenem Tag im
frühen Mai endlich ein Herz fasste. Mit rot geschminkten Lippen, Mutters
Lieblingsparfum und selbstgekauftem Nagellack wollte sie sich Hanno auf
offener Straße in die Arme werfen. Ohne Zweifel hatte es sie große
Überwindung gekostet, diesen Entschluss zu ergreifen. Doch war sie
emanzipiert wie ihre Tante Klara und wusste um die Möglichkeit einer
selbstbewussten Frau in der modernen Welt.
Sie hatte erkannt, dass
es zwecklos war, weiter auf den blassen Hanno zu warten. Die Initiative
musste von ihr ausgehen, sonst würde sie noch Jahre auf den ersten Schritt
des schüchternen Jungen hoffen.
...
^^ UP ^^