Ausgerechnet in
jenem Moment, als sich Tina mit den
Gegebenheiten anzufreunden begann,
schickte ihr der Himmel die
nächste Prüfung in Gestalt eines
Hagelsturms. In gestrecktem Galopp
erreichten sie eins der verstreut
in der Landschaft liegenden
Bauernhäuser und banden die Pferde
im Hof unter dem Vordach an.
Tina wusste
zwar mittlerweile, dass die Bauten
grundsätzlich niedrig und die
Innenräume dunkel waren, da man
die Fenster mit Papier oder grobem
Stoff bespannte. Glas war teuer
und daher der Oberschicht
vorbehalten. Aber was sie hier
erwartete, übertraf alles, was sie
bisher gesehen hatte.
Es gab einen
einzigen, lang gestreckten Raum,
der an einer Seite mit Holzstreben
abgeteilt war. Hinter dieser
Abgrenzung gackerten zahlreiche
Hühner, und in einer Ecke lag ein
Schwein.
Auf der anderen
Seite stand ein Tisch, an der Wand
befand sich eine primitive
Kochstelle, die gleichzeitig den
Raum beheizte. Da weder Abzug noch
Kamin vorhanden war, hing der
Rauch an der Decke und mischte
sich mit dem Geruch der Tiere. Und
der Menschen.
Die Bewohner
des Hauses saßen um den Tisch und
schauten sie neugierig an. Tina
sah zwei kleine Mädchen, die einen
Säugling hielten, zwei alte Frauen
und einen noch älteren Mann. An
der Kochstelle stand eine weitere
Frau. Erst als diese sich
umdrehte, merkte Tina, dass sie
hochschwanger war.
Tang stellte
die Satteltaschen ab und verbeugte
sich leicht. ”Gute Leute, gewährt
meiner Schwester und mir Schutz
vor dem Unwetter. Es soll euer
Schaden nicht sein.” Er löste die
Münzen von seinem Gürtel und legte
drei auf den Tisch.
Der alte Mann
nickte und befahl den Kindern mit
einer
Handbewegung aufzustehen. Sie
gehorchten widerspruchslos und
hockten sich im hinteren Teil des
Raumes, der außerhalb des
Lichtkegels der Öllampe lag, in
eine Ecke.
Beklommen
setzte sich Tina auf die Bank,
Tang rutschte neben sie. Der Mann
schob ihnen die halb vollen
Schüsseln zu, die schwangere Frau
reichte ihnen grob geschnitzte
Essstäbchen und Holzlöffel.
Tina lächelte
ihr zu, aber sie erwiderte das
Lächeln nicht und ihre Augen
wirkten müde. Tot. Ihr Haar war
glanzlos und ihre Gesichtsfarbe
unnatürlich wächsern.
In den
Schüsseln war Getreidebrei mit
Gemüse und einigen Stückchen
gebratenem Ei. Tina hatte keinen
Hunger, aber um die Menschen nicht
zu beleidigen, aß sie
pflichtschuldig einige Bissen, ehe
sie die Schüssel Tang hinüberschob.
Die ganze Zeit
über beobachteten sie die drei
Alten aus flinken schwarzen Augen.
Tina rückte unwillkürlich näher zu
Tang. Der alte Mann streckte eine
Hand aus, die wie ein knorriger
Ast wirkte, und berührte Tangs
Mantel.
”Ein feines
Gewebe, Sohn. Kommst wohl aus
gutem Hause?” Sein zahnloser Mund
verzog sich, und er warf einen
neugierigen Blick auf die an der
Wand lehnenden Satteltaschen.
Tang aß ruhig
weiter. ”Der Mantel ist das
Geschenk eines Kaufmanns. Meine
Schwester hat sich um seine
Tochter gekümmert, als sie sehr
krank war.”
”Und die Pferde
sind auch ein Geschenk?”, fragte
der Alte listig.
”Die Pferde
sind alles, was mir mein Vater
vermacht hat.”
Bevor er seine
Geschichte weiterspinnen konnte,
ging die Tür auf und ein Mann kam
herein. Er zerrte an einem Strick
drei Ziegen hinter sich her, die
er zu den Hühnern sperrte.
Wasser tropfte
von seinem Umhang auf den Boden,
seine Schuhe waren völlig
durchgeweicht. Er streifte beides
ab und setzte sich an den Tisch,
auf dem noch immer die Münzen
lagen. Nach einem Blick darauf
wandte er sich an Tang. ”Hat euch
auch das Unwetter eingeholt? Wohin
wollt ihr?”
”In den Süden”,
antwortete Tang und schob die
Schüssel zu ihm hinüber.
”Ich bin Wang
Zhao. Ihr könnt in meinem Haus
bleiben, solange ihr wollt. Und
solange ihr euren Beitrag
leistet”, fügte er hinzu, steckte
die Münzen ein und begann zu
essen.
Tina lief ein
Schauer über den Rücken. Wenn sie
hier blieben, bestand die
Möglichkeit, dass sie am Morgen
mit durchschnittener Kehle
aufwachten. Die Gier in den Augen
der Männer sprach mehr als alle
Worte.
Die Frau ging
schwerfällig von der Kochstelle zu
der doppelflügeligen, klinkenlosen
Tür und nahm einen Balken, der an
der Wand lehnte, um ihn in die
beiden gemauerten Halterungen
neben dem Eingang zu schieben und
die Tür damit zu verriegeln.
Der Balken war
lang und massiv und eindeutig zu
schwer für die Frau. Aber keiner
der Männer machte Anstalten, ihr
zu helfen. Tina sprang auf, und
mit vereinten Kräften gelang es
ihnen, den Riegel in die
Halterungen zu bringen.
Die schmalen
Lippen der Frau verzogen sich zu
einem angedeuteten Lächeln, und
sie neigte den Kopf ein wenig,
dann wich sie Tinas Blick aus und
ging hinüber zum Tisch.
Dort setzte sie
sich auf einen der wackeligen
Hocker und wartete, bis Wang Zhao
– ihr Ehemann, davon war Tina
mittlerweile überzeugt – die
Schüssel zu ihr hinüberschob.
Darin befanden sich die Reste der
Mahlzeit, kaum mehr als zwei, drei
Löffel voll.
Ungläubig
betrachtete Tina die Szene und
wollte schon den Mund aufmachen,
als Tang ihr unter dem Tisch einen
Tritt versetzte. Sie wandte sich
ihm zu und las die Warnung in
seinen Augen. Widerwillig schloss
sie ihren Mund.
”Der Hagel hat
auf den Feldern keinen Schaden
angerichtet”, sagte Zhao. ”Noch
ist die Saat nicht aufgegangen.”
Die drei Alten
nickten.
”Ich werde den
Göttern morgen ein Opfer bringen,
zum Dank. Und um sie milde zu
stimmen, damit sie mir endlich
einen Sohn schenken.” Er streckte
die Hand aus und berührte den
gewölbten Leib seiner Frau.
Tina hatte
erwartet, dass sie zurückzucken
würde, aber das tat sie nicht.
”Damit hätte
meine Pechsträhne ein Ende.” Er
warf einen Blick in die Ecke, wo
sich die drei Mädchen
aneinanderdrückten. Dann stand er
auf und ging zu den alten Frauen
hinüber. Vorsichtig hob er eine
von ihnen auf seine Arme und trug
sie quer durch den Raum, zu einem
mit einem Vorhang abgedeckten
Durchgang, den Tina vorher nicht
bemerkt hatte.
”Kommt, ich
zeige euch den Schlafplatz.” Die
schwangere Frau schob die leeren
Schüsseln zur Seite, griff nach
der Öllampe und führte sie zu
einem Vorhang an der anderen Seite
des Raumes. Dahinter verbarg sich
ein Zimmer, in dem ein riesiges
Bett auf einem rechteckigen,
gemauerten Fundament stand. Vor
dem Fußende des Bettes befanden
sich einige Truhen, sonst gab es
nichts. Auch hier roch es nach
Rauch.
Vorsichtig trat
Tina näher und streckte dann
ungläubig die Hand aus, aber sie
hatte sich nicht getäuscht. Das
Bett strahlte Wärme ab.
Die Frau bückte
sich, öffnete eine Klappe im
Fundament und stocherte mit einem
Haken darin herum. ”Die Glut
sollte bis zum Morgen reichen.”
Sie richtete
sich wieder auf. ”Ich kümmere mich
um die Eltern und die Tante. Ihr
könnt euch schon schlafen legen.”
Tina
betrachtete das breite Bett, das
mehr einem überdimensionalen Grill
glich als einer Schlafstatt. Die
Worte ihrer Gastgeberin erreichten
langsam ihr Gehirn und sie sah
Tang fragend an.
Er hatte sich
aufs Bett gesetzt und begann seine
Stiefel aufzuschnüren. ”Das,
Lotosblume, ist ein Kang. Vor
allem in Nordchina verbreitet, da
es im Winter dort sehr kalt wird.
Für gewöhnlich schläft die ganze
Familie hier.”
”Die ganze
Familie?”, echote Tina ungläubig.
Er nickte. ”Ja.
Den Luxus mehrere Kangs zu
betreiben, können sich nicht viele
Familien leisten.”
Der Gedanke,
mit Tang allein ein Bett teilen zu
müssen, hatte in Tina leichtes
Unbehagen ausgelöst, der Gedanke
jedoch es mit einer ganzen Familie
zu teilen, versetzte sie in Panik.
Unbewusst schüttelte sie den Kopf.
”Es gibt keine
andere Möglichkeit”, sagte Tang
leise. ”Und das Bett ist nicht
sehr groß. Ich vermute, dass die
drei Alten in einem eigenen Kang
schlafen. Lin versorgt sie für die
Nacht.”
”Lin? Das ist
ihr Name? Ihr Mann hat sie kein
einziges Mal direkt angesprochen”,
bemerkte Tina. ”Und er hat ihr
fast nichts zu essen übrig
gelassen, dabei ist sie
schwanger.”
Tang seufzte.
”Die Dinge hier sind anders, Hexe.
Lin muss sich erst den Respekt
ihres Mannes und seiner Familie
verdienen. Im Augenblick ist sie
kaum mehr als ein unnützer Esser.”
”Womit muss sie
sich denn Respekt verdienen? Die
beiden alten Frauen sehen nicht so
aus, als würden sie auch nur einen
Finger rühren. Das heißt, Lin
kocht, putzt, wäscht und versorgt
die Kinder, die drei Verwandten
und die Haustiere.”
Sie strich ihr
Haar aus dem Gesicht und zog den
Mantel trotz der angenehmen
Temperatur im Raum enger um sich.
”Das, was Lin
tut, ist selbstverständlich. Alter
ist in China eine Tugend. Ihm wird
höchste Ehrerbietung
entgegengebracht. Alter ist
gleichbedeutend mit Weisheit. Die
Schwiegertochter hat die Pflicht,
sich um die Eltern ihres Mannes zu
kümmern”, erklärte Tang geduldig.
”Sie tut alles,
was von ihr verlangt wird. Warum
behandelt man Lin trotzdem wie
Luft?”
Tang
betrachtete sie einen Moment lang
mit einem nachsichtigen Blick, der
Tina nicht gefiel. ”Weil sie
bisher keinen Sohn zur Welt
gebracht hat.”
Noch vor ein
paar Tagen wäre Tina wegen dieser
Antwort explodiert. Aber
mittlerweile wusste sie, dass Tang
für die Gepflogenheiten und
Gesetzte dieser Zeit nicht
verantwortlich war, sondern sie
ihr nur zu erklären versuchte.
Deshalb mit ihm streiten, hieß
ihre Kräfte vergeuden, denn es
änderte nichts an den Tatsachen.
Sie fühlte
Bedauern für Lin, die im Gegensatz
zu ihr selbst eine Gefangene
dieser Zeit war. Lin würde nie in
die Lage kommen, ihre Situation zu
hinterfragen, geschweige denn zu
ändern.
”Dann hoffe ich
für sie, dass sie einen Jungen
bekommt”, sagte Tina resignierend
und trat näher an das Bett. Auch
hier gab es die Holzklotzkissen,
aber zusätzlich noch dicke Decken
aus ungefärbter Schafwolle. Sie
legte ihren Mantel ab und rollte
ihn zusammen. Dann setzte sie sich
neben Tang und band ihre Stiefel
auf. Dabei war sie sich Tangs
Gegenwart überdeutlich bewusst.
Zwar schliefen
sie in der Jurte auch
nebeneinander, aber das Zelt war
viel größer und gewährte durch
drei separate Abteilungen eine
gewisse Privatsphäre. Außerdem
legte sich Tang erst hin, wenn sie
schon längst schlief und stand
auch vor ihr auf.
”Ich liege
außen”, teilte sie ihm mit und
redete schnell weiter: ”Hast du
keine Angst, dass sie uns mitten
in der Nacht umbringen – wegen
der Pferde oder des Geldes?”
”Ich bin
bereits tot”, erwiderte er
trocken.
”Aber ich
nicht”, sagte Tina böse. ”Also
...”
”Keine Bange.
Erstens habe ich einen leichten
Schlaf und zweitens das hier.” Er
zeigte auf das Messer, das er in
den Ärmel seines Hemdes schob.
”Aber sei beruhigt, Mörder sehen
anders aus.”
”Du musst es ja
wissen”, gab sie zurück.
Er sah sie nur
an, und aus einem unerfindlichen
Grund schämte sie sich plötzlich
für ihre schnippischen Worte.
Der Vorhang
wurde zur Seite geschoben und Zhao
trat in den Lichtkreis der Lampe.
Er rülpste einmal und kratzte sich
die rasierte Stirn. Dann umrundete
er das Bett und streckte sich ohne
Umstände darauf aus.
Tina
unterdrückte ein Schaudern und
blieb steif sitzen, obwohl Tang
den Holzklotz zurechtrückte und
sich ebenfalls hinlegte. Vom
anderen Raum drangen Stimmen zu
ihr, aber sie waren zu leise, als
dass Tina sie verstehen konnte.
Kurz darauf betrat Lin den Raum
und wollte die Lampe löschen.
”Nicht”, rief
Tina, und erst der erstaunte Blick
der Frau machte ihr klar, dass sie
gerade einen Fehler beging. ”Das
Licht muss an bleiben”, beharrte
sie hastig. ”Die Geister ... sonst
finden mich die Geister.”
Erleichtert
atmete sie auf. Tang würde
bestimmt wieder erzählen, dass sie
”von den Göttern berührt war”, um
ihr Verhalten zu erklären. Im
Moment zählte lediglich, dass sie
nicht im Dunkeln mit diesen
fremden Menschen liegen musste.
”Öl ist teuer”,
ließ sich Zhao vernehmen. ”Das
kostet extra.”
”Du wirst dein
Geld bekommen”, erwiderte Tang
ruhig. ”Und jetzt lasst uns
endlich schlafen.”
Lin kletterte
auf den Kang und legte sich auf
die andere Außenseite des Bettes
neben ihren Mann. Langsam zog Tina
die Beine hoch und machte sich so
klein wie möglich. Sie war so
angespannt, dass sie bezweifelte,
auch nur eine Minute Schlaf zu
finden.
Während sie die
Augen fest zusammenkniff und
Schäfchen zählte, drangen seltsame
Geräusche an ihr Ohr, die nicht
dazu beitrugen, sie in den Schlaf
zu wiegen. Sie brauchte eine
Weile, aber dann wurde ihr mit
einem Schlag klar, was es war und
sie sprang auf.
Tang hob den
Kopf. ”Was ist denn jetzt schon
wieder?”, murmelte er ärgerlich,
aber Tina achtete nicht auf ihn,
sondern packte die Lampe und
stürmte in den angrenzenden Raum.
Vollkommen sprachlos starrte sie
auf die Stelle vor dem Herd.
...