Die Hexe und der General - Leseprobe

 

 

 

Die gutmütige Tina - Hexe mit eher bescheidenen Fähigkeiten und weder mit ihrem Leben noch mit ihrer Figur zufrieden - reist mit ihrer besten Freundin Alexa nach Shanghai. Dort trifft sie auf den undurchsichtigen Greg, Tai Pan von Bannert Enterprises und Bruder von Alexas großer Liebe. Ehe sie es sich versieht, hat er sie ins 17. Jahrhundert entführt, wo er als General Tang Yun Long noch eine Rechnung zu begleichen hat - mit dem Mann, der ihn damals ermordete.

Eine Zeitreise-Liebesgeschichte mit Witz und Magie.

 

~ ~ ~

 

 

Tina und Tang befinden sich bereits einige Zeit im alten China und suchen Schutz vor einem Unwetter

 

Ausgerechnet in jenem Moment, als sich Tina mit den Gegebenheiten anzufreunden begann, schickte ihr der Himmel die nächste Prüfung in Gestalt eines Hagelsturms. In gestrecktem Galopp erreichten sie eins der verstreut in der Landschaft liegenden Bauernhäuser und banden die Pferde im Hof unter dem Vordach an.

Tina wusste zwar mittlerweile, dass die Bauten grundsätzlich niedrig und die Innenräume dunkel waren, da man die Fenster mit Papier oder grobem Stoff bespannte. Glas war teuer und daher der Oberschicht vorbehalten. Aber was sie hier erwartete, übertraf alles, was sie bisher gesehen hatte.

Es gab einen einzigen, lang gestreckten Raum, der an einer Seite mit Holzstreben abgeteilt war. Hinter dieser Abgrenzung gackerten zahlreiche Hühner, und in einer Ecke lag ein Schwein.

Auf der anderen Seite stand ein Tisch, an der Wand befand sich eine primitive Kochstelle, die gleichzeitig den Raum beheizte. Da weder Abzug noch Kamin vorhanden war, hing der Rauch an der Decke und mischte sich mit dem Geruch der Tiere. Und der Menschen.

Die Bewohner des Hauses saßen um den Tisch und schauten sie neugierig an. Tina sah zwei kleine Mädchen, die einen Säugling hielten, zwei alte Frauen und einen noch älteren Mann. An der Kochstelle stand eine weitere Frau. Erst als diese sich umdrehte, merkte Tina, dass sie hochschwanger war.

Tang stellte die Satteltaschen ab und verbeugte sich leicht. ”Gute Leute, gewährt meiner Schwester und mir Schutz vor dem Unwetter. Es soll euer Schaden nicht sein.” Er löste die Münzen von seinem Gürtel und legte drei auf den Tisch.

Der alte Mann nickte und befahl den Kindern mit einer Handbewegung aufzustehen. Sie gehorchten widerspruchslos und hockten sich im hinteren Teil des Raumes, der außerhalb des Lichtkegels der Öllampe lag, in eine Ecke.

Beklommen setzte sich Tina auf die Bank, Tang rutschte neben sie. Der Mann schob ihnen die halb vollen Schüsseln zu, die schwangere Frau reichte ihnen grob geschnitzte Essstäbchen und Holzlöffel.

Tina lächelte ihr zu, aber sie erwiderte das Lächeln nicht und ihre Augen wirkten müde. Tot. Ihr Haar war glanzlos und ihre Gesichtsfarbe unnatürlich wächsern.

In den Schüsseln war Getreidebrei mit Gemüse und einigen Stückchen gebratenem Ei. Tina hatte keinen Hunger, aber um die Menschen nicht zu beleidigen, aß sie pflichtschuldig einige Bissen, ehe sie die Schüssel Tang hinüberschob.

Die ganze Zeit über beobachteten sie die drei Alten aus flinken schwarzen Augen. Tina rückte unwillkürlich näher zu Tang. Der alte Mann streckte eine Hand aus, die wie ein knorriger Ast wirkte, und berührte Tangs Mantel.

”Ein feines Gewebe, Sohn. Kommst wohl aus gutem Hause?” Sein zahnloser Mund verzog sich, und er warf einen neugierigen Blick auf die an der Wand lehnenden Satteltaschen.

Tang aß ruhig weiter. ”Der Mantel ist das Geschenk eines Kaufmanns. Meine Schwester hat sich um seine Tochter gekümmert, als sie sehr krank war.”

”Und die Pferde sind auch ein Geschenk?”, fragte der Alte listig.

”Die Pferde sind alles, was mir mein Vater vermacht hat.”

Bevor er seine Geschichte weiterspinnen konnte, ging die Tür auf und ein Mann kam herein. Er zerrte an einem Strick drei Ziegen hinter sich her, die er zu den Hühnern sperrte.

Wasser tropfte von seinem Umhang auf den Boden, seine Schuhe waren völlig durchgeweicht. Er streifte beides ab und setzte sich an den Tisch, auf dem noch immer die Münzen lagen. Nach einem Blick darauf wandte er sich an Tang. ”Hat euch auch das Unwetter eingeholt? Wohin wollt ihr?”

”In den Süden”, antwortete Tang und schob die Schüssel zu ihm hinüber.

”Ich bin Wang Zhao. Ihr könnt in meinem Haus bleiben, solange ihr wollt. Und solange ihr euren Beitrag leistet”, fügte er hinzu, steckte die Münzen ein und begann zu essen.

Tina lief ein Schauer über den Rücken. Wenn sie hier blieben, bestand die Möglichkeit, dass sie am Morgen mit durchschnittener Kehle aufwachten. Die Gier in den Augen der Männer sprach mehr als alle Worte.

Die Frau ging schwerfällig von der Kochstelle zu der doppelflügeligen, klinkenlosen Tür und nahm einen Balken, der an der Wand lehnte, um ihn in die beiden gemauerten Halterungen neben dem Eingang zu schieben und die Tür damit zu verriegeln.

Der Balken war lang und massiv und eindeutig zu schwer für die Frau. Aber keiner der Männer machte Anstalten, ihr zu helfen. Tina sprang auf, und mit vereinten Kräften gelang es ihnen, den Riegel in die Halterungen zu bringen.

Die schmalen Lippen der Frau verzogen sich zu einem angedeuteten Lächeln, und sie neigte den Kopf ein wenig, dann wich sie Tinas Blick aus und ging hinüber zum Tisch.

Dort setzte sie sich auf einen der wackeligen Hocker und wartete, bis Wang Zhao – ihr Ehemann, davon war Tina mittlerweile überzeugt – die Schüssel zu ihr hinüberschob. Darin befanden sich die Reste der Mahlzeit, kaum mehr als zwei, drei Löffel voll.

Ungläubig betrachtete Tina die Szene und wollte schon den Mund aufmachen, als Tang ihr unter dem Tisch einen Tritt versetzte. Sie wandte sich ihm zu und las die Warnung in seinen Augen. Widerwillig schloss sie ihren Mund.

”Der Hagel hat auf den Feldern keinen Schaden angerichtet”, sagte Zhao. ”Noch ist die Saat nicht aufgegangen.”

Die drei Alten nickten.

”Ich werde den Göttern morgen ein Opfer bringen, zum Dank. Und um sie milde zu stimmen, damit sie mir endlich einen Sohn schenken.” Er streckte die Hand aus und berührte den gewölbten Leib seiner Frau.

Tina hatte erwartet, dass sie zurückzucken würde, aber das tat sie nicht.

”Damit hätte meine Pechsträhne ein Ende.” Er warf einen Blick in die Ecke, wo sich die drei Mädchen aneinanderdrückten. Dann stand er auf und ging zu den alten Frauen hinüber. Vorsichtig hob er eine von ihnen auf seine Arme und trug sie quer durch den Raum, zu einem mit einem Vorhang abgedeckten Durchgang, den Tina vorher nicht bemerkt hatte.

”Kommt, ich zeige euch den Schlafplatz.” Die schwangere Frau schob die leeren Schüsseln zur Seite, griff nach der Öllampe und führte sie zu einem Vorhang an der anderen Seite des Raumes. Dahinter verbarg sich ein Zimmer, in dem ein riesiges Bett auf einem rechteckigen, gemauerten Fundament stand. Vor dem Fußende des Bettes befanden sich einige Truhen, sonst gab es nichts. Auch hier roch es nach Rauch.

Vorsichtig trat Tina näher und streckte dann ungläubig die Hand aus, aber sie hatte sich nicht getäuscht. Das Bett strahlte Wärme ab.

Die Frau bückte sich, öffnete eine Klappe im Fundament und stocherte mit einem Haken darin herum. ”Die Glut sollte bis zum Morgen reichen.”

Sie richtete sich wieder auf. ”Ich kümmere mich um die Eltern und die Tante. Ihr könnt euch schon schlafen legen.”

Tina betrachtete das breite Bett, das mehr einem überdimensionalen Grill glich als einer Schlafstatt. Die Worte ihrer Gastgeberin erreichten langsam ihr Gehirn und sie sah Tang fragend an.

Er hatte sich aufs Bett gesetzt und begann seine Stiefel aufzuschnüren. ”Das, Lotosblume, ist ein Kang. Vor allem in Nordchina verbreitet, da es im Winter dort sehr kalt wird. Für gewöhnlich schläft die ganze Familie hier.”

”Die ganze Familie?”, echote Tina ungläubig.

Er nickte. ”Ja. Den Luxus mehrere Kangs zu betreiben, können sich nicht viele Familien leisten.”

Der Gedanke, mit Tang allein ein Bett teilen zu müssen, hatte in Tina leichtes Unbehagen ausgelöst, der Gedanke jedoch es mit einer ganzen Familie zu teilen, versetzte sie in Panik. Unbewusst schüttelte sie den Kopf.

”Es gibt keine andere Möglichkeit”, sagte Tang leise. ”Und das Bett ist nicht sehr groß. Ich vermute, dass die drei Alten in einem eigenen Kang schlafen. Lin versorgt sie für die Nacht.”

”Lin? Das ist ihr Name? Ihr Mann hat sie kein einziges Mal direkt angesprochen”, bemerkte Tina. ”Und er hat ihr fast nichts zu essen übrig gelassen, dabei ist sie schwanger.”

Tang seufzte. ”Die Dinge hier sind anders, Hexe. Lin muss sich erst den Respekt ihres Mannes und seiner Familie verdienen. Im Augenblick ist sie kaum mehr als ein unnützer Esser.”

”Womit muss sie sich denn Respekt verdienen? Die beiden alten Frauen sehen nicht so aus, als würden sie auch nur einen Finger rühren. Das heißt, Lin kocht, putzt, wäscht und versorgt die Kinder, die drei Verwandten und die Haustiere.”

Sie strich ihr Haar aus dem Gesicht und zog den Mantel trotz der angenehmen Temperatur im Raum enger um sich.

”Das, was Lin tut, ist selbstverständlich. Alter ist in China eine Tugend. Ihm wird höchste Ehrerbietung entgegengebracht. Alter ist gleichbedeutend mit Weisheit. Die Schwiegertochter hat die Pflicht, sich um die Eltern ihres Mannes zu kümmern”, erklärte Tang geduldig.

”Sie tut alles, was von ihr verlangt wird. Warum behandelt man Lin trotzdem wie Luft?”

Tang betrachtete sie einen Moment lang mit einem nachsichtigen Blick, der Tina nicht gefiel. ”Weil sie bisher keinen Sohn zur Welt gebracht hat.”

Noch vor ein paar Tagen wäre Tina wegen dieser Antwort explodiert. Aber mittlerweile wusste sie, dass Tang für die Gepflogenheiten und Gesetzte dieser Zeit nicht verantwortlich war, sondern sie ihr nur zu erklären versuchte. Deshalb mit ihm streiten, hieß ihre Kräfte vergeuden, denn es änderte nichts an den Tatsachen.

Sie fühlte Bedauern für Lin, die im Gegensatz zu ihr selbst eine Gefangene dieser Zeit war. Lin würde nie in die Lage kommen, ihre Situation zu hinterfragen, geschweige denn zu ändern.

”Dann hoffe ich für sie, dass sie einen Jungen bekommt”, sagte Tina resignierend und trat näher an das Bett. Auch hier gab es die Holzklotzkissen, aber zusätzlich noch dicke Decken aus ungefärbter Schafwolle. Sie legte ihren Mantel ab und rollte ihn zusammen. Dann setzte sie sich neben Tang und band ihre Stiefel auf. Dabei war sie sich Tangs Gegenwart überdeutlich bewusst.

Zwar schliefen sie in der Jurte auch nebeneinander, aber das Zelt war viel größer und gewährte durch drei separate Abteilungen eine gewisse Privatsphäre. Außerdem legte sich Tang erst hin, wenn sie schon längst schlief und stand auch vor ihr auf.

”Ich liege außen”, teilte sie ihm mit und redete schnell weiter: ”Hast du keine Angst, dass sie uns mitten in der Nacht umbringen –  wegen der Pferde oder des Geldes?”

”Ich bin bereits tot”, erwiderte er trocken.

”Aber ich nicht”, sagte Tina böse. ”Also ...”

”Keine Bange. Erstens habe ich einen leichten Schlaf und zweitens das hier.” Er zeigte auf das Messer, das er in den Ärmel seines Hemdes schob. ”Aber sei beruhigt, Mörder sehen anders aus.”

”Du musst es ja wissen”, gab sie zurück.

Er sah sie nur an, und aus einem unerfindlichen Grund schämte sie sich plötzlich für ihre schnippischen Worte.

Der Vorhang wurde zur Seite geschoben und Zhao trat in den Lichtkreis der Lampe. Er rülpste einmal und kratzte sich die rasierte Stirn. Dann umrundete er das Bett und streckte sich ohne Umstände darauf aus.

Tina unterdrückte ein Schaudern und blieb steif sitzen, obwohl Tang den Holzklotz zurechtrückte und sich ebenfalls hinlegte. Vom anderen Raum drangen Stimmen zu ihr, aber sie waren zu leise, als dass Tina sie verstehen konnte. Kurz darauf betrat Lin den Raum und wollte die Lampe löschen.

”Nicht”, rief Tina, und erst der erstaunte Blick der Frau machte ihr klar, dass sie gerade einen Fehler beging. ”Das Licht muss an bleiben”, beharrte sie hastig. ”Die Geister ... sonst finden mich die Geister.”

Erleichtert atmete sie auf. Tang würde bestimmt wieder erzählen, dass sie  ”von den Göttern berührt war”, um ihr Verhalten zu erklären. Im Moment zählte lediglich, dass sie nicht im Dunkeln mit diesen fremden Menschen liegen musste.

”Öl ist teuer”, ließ sich Zhao vernehmen. ”Das kostet extra.”

”Du wirst dein Geld bekommen”, erwiderte Tang ruhig. ”Und jetzt lasst uns endlich schlafen.”

Lin kletterte auf den Kang und legte sich auf die andere Außenseite des Bettes neben ihren Mann. Langsam zog Tina die Beine hoch und machte sich so klein wie möglich. Sie war so angespannt, dass sie bezweifelte, auch nur eine Minute Schlaf zu finden.

Während sie die Augen fest zusammenkniff und Schäfchen zählte, drangen seltsame Geräusche an ihr Ohr, die nicht dazu beitrugen, sie in den Schlaf zu wiegen. Sie brauchte eine Weile, aber dann wurde ihr mit einem Schlag klar, was es war und sie sprang auf.

Tang hob den Kopf. ”Was ist denn jetzt schon wieder?”, murmelte er ärgerlich, aber Tina achtete nicht auf ihn, sondern packte die Lampe und stürmte in den angrenzenden Raum.

Vollkommen sprachlos starrte sie auf die Stelle vor dem Herd.

...

 

Hintergrundinfos zu Land, Leuten und Geschichte

 

^^ UP ^^

 

 


Copyright Inhalt  2007 Fran Henz

powered by net4you.net