Autoren und Beiträge - Futter für die Bestie

Alisha Bionda: Blutzoll
Lars Blumenroth: Simon
Philipp Bobrowski: Saubere Wäsche
Ralf Boscher: Futter für die Bestie
Barbara Büchner: Hände
Birgit Erwin: Ketchup
Klaus Eylmann: Hanford
Luisah und Desiree Hoese: Essen vom Nachbarn
Iris ter Haar: Am See
Fran Henz: Inkasso
Leona Iscara: Acht Augen
Barbara Jung: Der Gast
Monique Lhoir: Paris bei Nacht
Ulf Meierkord: Der Preis der Magie
G.K. Nobelmann: Bitch
Ingeborg Restat: Gefährlicher Zauber
Barbara Peters: Der Schrei
Stefan Pfister: Größenwahn
Marion Schäfer: Der Rechthaber
Stefan Seifert: Die Dienstreise
Evelyn Sperber: Magdas kreative Phase
Petra Wilfert: Bruders Hüter
Arthur-Gordon Wolf: Mutterliebe
Maria Zocchetti: Das Haus am See


Futter für die Bestie

Ralf Boscher

 

 

Zur Mittagszeit kamen einige Spaziergänger aus dem Bruch zurück und redeten sich in der Gastwirtschaft bei Schnaps und Alt den Schrecken von der Seele. Niemand nahm sie wirklich ernst. Der Wind kann schon tückisch sein!, hieß es. Da kann man schon mal das Gefühl haben, dass plötzlich jemand hinter einem steht und einem kalt in den Nacken atmet! Und nach einigen Korn waren die Spaziergänger ebenfalls so weit, das unheimliche Gefühl, von etwas beobachtet zu werden, was man nicht selbst sehen kann, als Einbildung abzutun. Keiner glaubte, dass etwas dran sein könnte an den alten Geschichten, die sich früher um das Tote Rahm und das Galgenrahm rankten. Damals. Bevor Männer aus den umliegenden Dörfern die Sümpfe am Rande der Aldekerker Platte trocken legten, um Ackerland zu schaffen. Als es im Bruch weder Straßen noch Brücken gab, und es in Nächten ohne Elektrizität leicht fiel, an Dämonen und Geisterstimmen zu glauben, die unvorsichtige Seelen von den schmalen Pfaden weg in die Sümpfe locken.

...


Simon

Lars Blumenroth

 

Kirchenmann, Kirchenmann

Haymo drehte sich verwirrt um. Niemand war zu sehen. Doch ihm war, als hätte er jemanden flüstern hören. Ein heimliches Flüstern. Die Worte waren nicht zu verstehen gewesen.

Der Mittelgang der Kirche war leer. Nichts bewegte sich, nichts gab einen Laut ab. Es war eine Geräuschlosigkeit, die in den Ohren zu dröhnen schien. Haymo stand auf halben Weg zum Altar im Mittelschiff. Einen Moment legte er den Kopf schief, wie ein Fluchttier, das seinen Jäger orten wollte. Stille. Schließlich nahm er den Kopf wieder in seine normale Position, schüttelte ihn kurz unbewusst und wand sich erneut um. Vielleicht war es eine Maus gewesen. Eine Kirchenmaus. Er grinste. Plötzlich war er sich nicht mal mehr sicher, ob er wirklich etwas gehört hatte. Das war immer so mit Dingen, die seltsam waren. Erst stellten sich einem die Nackenhaare auf und man könnte schwören, dass...

Kirchenmann, Kirchenmann

Fast hätte Haymo laut aufgeschrien. Diesmal hatte er sich nicht einfach nur umgedreht, sondern war reflexartig herumgewirbelt. Sein Herz pochte laut in der Brust. Wieder hatte er das Flüstern im Ohr. Diesmal deutlicher. Aber immer noch unverständlich. Eine helle, flüsternde Stimme von irgendwo her. Die Worte selbst waren so schnell in die weihrauchgeschwängerte Luft gehaucht worden, dass er nicht mit Sicherheit sagen konnte, wo er den Sender würde suchen müssen. Unbewusst hauchte er einmal über die Lippen, um zu testen, wie sich das anhören würde. Vorsichtig trat er einen Schritt vor. Die Flucht zum Haupteingang war natürlich immer noch verlassen. Aber in ihm nährte sich die Gewissheit, dass die Kirche nicht mehr leer war. Die Messe war vor etwa einer Stunde zu Ende gewesen. Einige Leute hatten noch ein Gespräch mit ihm gesucht, aber die meisten hatten sich nur kurz bei ihm bedankt und waren gegangen. Und jetzt sollte die Kirche eigentlich leer sein. Selbst die Messdiener müssten schon lange fort sein.

Ein kurzer Gedanke an den neuen Messdiener schwirrte ihm durch den Kopf. Simon. Er war neu in der Stadt und hatte sich gleich nach der ersten Sonntagsmesse bei ihm gemeldet. Ein hübscher Junge.

Mittlerweile schlich er abermals auf den Eingangsbereich zu, wobei er aufmerksam zwischen die Bankreihen sah. Es war neben dem Priesteramt auch seine Aufgabe, die Kirche zu schließen. Es wäre ein Unding, wenn er jemanden hier einschließen würde. Gar nicht auszudenken, was das für Gerede nach sich ziehen würde. Und Gerede konnte er ganz und gar nicht gebrauchen.

Als er am Ende der Bankreihen angekommen war, zögerte er einen Moment. Vielleicht sollte er kurz stehen bleiben und warten. Aber auch nach diesem wachsamen Verweilen tat sich nichts. Er hatte dieses seltsame Gefühl, das ihm sagte, er habe sich alles nur eingebildet. Das Flüstern war viel zu schnell vergangen, als dass es ihm länger im Kopf bleiben konnte. Haymo fühlte sich, als hätte er einen schlechten Traum gehabt, der nach dem Aufwachen langsam verblasst war. Erst war er sich absolut sicher gewesen, erschrocken, aber dann hatten sich diese Wahrnehmungen langsam und unmerklich davongestohlen. Es war, als hätte er ernsthaft versucht, mit bloßen Händen Wasser festzuhalten.
...


Ketchup

Birgit Erwin

 

Am 25.04.2002, 12.01 verlässt Hermann P. P. Steffen seine Wohnung im vierten Stock in der Gartenstraße, um einzukaufen. Hermann P.P. Steffen ist 37 Jahre alt, Single, freiberuflicher Arbeitsloser und ein Stolperer. Er stolpert über seine Füße, über lange Worte weil sie lang und kurze Wörter weil sie verdächtig sind, in peinliche Situationen (unter anderem das Grab seines Vaters auf der Beerdigung letzten Monat) und über das Geheimnis der Supermärkte. Aber das weiß Hermann noch nicht. Er schimpft über den Regen, den die Wettervorhersage für letzte Woche angekündigt hat, schlägt den Mantelkragen hoch, verstaut seine Brille in der Jackentasche, denn er hasst nasse Brillen, und prallt kurzsichtig gegen eine Mülltonne.
"Entschuldigung", murmelt er, denn er glaubt an Höflichkeit in allen Lebenslagen. Und stolpert weiter.
Hermann P.P. Steffen hasst Einkaufen fast so sehr wie nasse Brillen. Manchmal denkt er, dass seine letzte Beziehung an seiner Unfähigkeit eine Strauch- von einer Fleischtomate zu unterscheiden, gescheitert ist. Aber Einkaufen muss der Mensch. 
Und manchmal muss er über sich selbst hinauswachsen.

Es wäre alles nie passiert, wenn die Augen der Kassiererin nicht für den Bruchteil einer Sekunde rot aufgeflammt wären. Vor Schreck stolperte Hermann und prallte gegen eine Kiste mit Strauchtomaten.
„‘tschuldigung“, murmelte er automatisch.
„Keine Ursache“, sagte die oberste Tomate nonchalant. 
Hermann P P. Steffen zählte langsam bis zehn, während er sich hilfesuchend auf eine blonde Frau konzentrierte, die in ihren Jeans und der blauen Westernbluse so etwas wie ein Stück Normalität verkörperte.
„Hören Sie auf, mich anzustarren, Sie Perverser“, zischte die blonde Frau und ihr böser Blick trieb ihn geradewegs zurück in die Arme der sprechenden Tomate.
Die Tomate musterte ihn. Soweit er das beurteilen konnte.
„Du kannst sprechen“, sagte Hermann P P Steffen.
„Stimmt“, sagte die Tomate. „Gut beobachtet.“
 ...


Inkasso

Fran Henz

 

Verena fixierte das Kalenderblatt. Neumond. Das schwarze Gesicht grinste sie an. Noch nie war ihr die unterschwellige Bösartigkeit dieses Symbols so zu Bewusstsein gekommen wie in diesem Augenblick.

Ein Schauer lief über ihren Rücken und brachte sie dazu, sich abzuwenden. Der Verfolgungswahn, unter dem sie seit einiger Zeit litt, nahm bedenkliche Ausmaße an. Mit fahrigen Bewegungen räumte sie die sterilisierten Babyfläschchen in den Küchenschrank. Die Schwiegermutter hatte Nadja, ihre drei Monate alte Tochter, vor einer halben Stunde abgeholt und würde sie erst morgen wiederbringen.

Verena schloss die Schranktür und ging ins Wohnzimmer, wo ihr Handy lag. Ohne große Hoffnung wählte sie eine Nummer aus dem Telefonspeicher. Zu ihrer Überraschung meldete sich die Hexe diesmal sofort.

„Hallo, ich ...", begann Verena unsicher.

„Hören Sie, meine Liebe, zum allerletzten Mal: ich kann Ihnen nicht helfen. Als Sie seinerzeit zu mir kamen, habe ich Ihnen gesagt, dass ich nur die Vermittlerin bin. Ich habe den Dämon, der Ihr Anliegen realisieren sollte, nur beschworen. Und ich habe Sie darauf aufmerksam gemacht, dass dieser Dämon seinen Preis einfordern wird, sobald er Ihren Wunsch erfüllt hat. Damit endet meine Dienstleistung. Sie wollten ein Kind. Und Sie haben ein Kind bekommen, obwohl Sie einen Stapel ärztlicher Gutachten in der Handtasche herumschleppten, die allesamt die Unmöglichkeit dieses Unterfangens bestätigten. Also, was wollen Sie eigentlich?"

Die Stimme klang ungeduldig. Verena stiegen die Tränen in die Augen. „Ich will, dass Sie mir helfen, es muss doch eine Möglichkeit geben, etwas gegen den Dämon zu unternehmen."

„Ich kenne keine."

„Bitte ...", Verenas Stimme brach.

„Sparen Sie sich die Tränen, meine Liebe. Das nächste Mal überlegen Sie sich eben vorher, ob Sie wirklich bereit sind, den Preis für Ihren Wunsch zu bezahlen. Diese Welt macht keine Geschenke – warum sollte es in der Zwischenwelt anders sein?"

...

^^ UP ^^

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