Cochon
„Das ist ja ne tolle Geschichte,
Capitan“, lachte der Mann und gab dem Wirt einen Wink. „Aber da Ihr hier
sitzt, müsst Ihr der Sirene ja wohl entkommen sein.“
Diego leerte seinen Becher in einem
langen durstigen Zug, um Platz für den Nachschub zu machen - umso lieber,
als er nicht zahlen musste - und zeigte seine Zähne in einem etwas
gequälten Grinsen.
„Reiner Zufall, und der hat lang genug
auf sich warten lassen.“
„Wie, keine spektakuläre Rettung? Kein
Sklavenhändler, kein Rivale, dem Ihr früher einmal Schiff und Mädchen
ausgespannt habt… gar nichts?“ Der dicke Kaufmann schüttelte betrübt den
Kopf. Er schien tief enttäuscht von seinem Zechkumpan.
Diego – endlich wieder Barba Blanca,
wenn auch vorläufig noch ohne Schiff – schenkte sich hastig einen Becher
ein, ehe sein Wohltäter seine Großzügigkeit bereuen konnte. Er verkniff
sich dabei die Bemerkung, dass ihm der Anblick der näherkommenden Segel am
Horizont spektakulär genug erschienen war, nachdem er zwei Monate auf dem
gottverlassenen Eiland festgesessen und Kokosnüsse leergesoffen hatte.
„Und was ist aus der Sirene geworden?“,
fragte sein Begleiter und lachte schon wieder dröhnend. Diego biss die
Zähne aufeinander. Wenn dieser Dickwanst sie noch einmal so nannte, würde
er ihm, bei Gott, die Faust zwischen seine Zähne rammen. Wie oft wollte er
denn noch über diesen Witz lachen?
„Na sagt schon, was wurde aus der
Sirene?“
Noch oft, wie es aussah.
„Nichts“, sagte der Kapitän kurz
angebunden. „Es war ein französisches Schiff, das uns auffischte. Sie wird
wohl schon bei ihrem Vater und bei ihrem Verlobten sein.“
Mit einem plötzlichen Entschluss leerte
er sein Glas und stand auf.
„Wollt Ihr schon gehen?“
Diego nickte, und sein Begleiter
entblößte sein makelloses Gebiss in einem breiten Grinsen. „Ihr könnt es
sicher nicht erwarten, bis Ihr wieder Weiberfleisch zwischen die Schenkel
kriegt, was, Capitan? Was mich darauf bringt: Habt Ihr die Sirene da auf
der Insel eigentlich auch… na Ihr wisst schon. Na, habt Ihr?“
Ein einfaches Nein hätte auch genügt.
Diego versetzte der Wand einen wütenden
Tritt. Seine Fußschellen rasselten misstönend, und seine Zehen taten jetzt
auch noch weh. Aber woher hätte er denn wissen sollen, dass der joviale
Fettwanst einer der reichsten Kaufleute der Insel und ein persönlicher
Freund des Gouverneurs war? Er ließ dem Tritt einen weiteren folgen. Die
Wand blieb unbeeindruckt. Diego fluchte und wie jedesmal, wenn er das tat,
musste er automatisch an die Contessina denken.
Sie war an allem schuld, verdammtes
Weibsbild! Sogar jetzt machte sie ihm noch Ärger, dabei war er sicher
gewesen, dass sie endgültig aus seinem Leben verschwunden war, als sie ihm
an Deck des Franzosen die Hand zum Kuss hingehalten hatte. Sie war beim
Abschied ungewöhnlich still gewesen, und er hatte auch nicht viel zu sagen
gehabt. Dabei wären ihre unpassend zusammengestückelten Kleidungsstücke,
die aus Restbeständen früherer Damenbegleitungen stammten, und die
zotteligen Reste einer ehemals kunstvollen Frisur den einen oder anderen
Kommentar wert gewesen. Sie schien es erwartet zu haben, aber es war
seltsam: Nach zwei Monaten bitterster Streitereien war ihm einfach keine
gute Pointe eingefallen. Er hatte ihr nur stumm nachgesehen und hatte
versucht, sich an die Stille zu gewöhnen, die ihn plötzlich umfing.
„Verdammtes Weib!“, sagte er noch
einmal und trat lustlos gegen die Wand. Dann widmete er sich der
Beschäftigung, die er inzwischen meisterhaft beherrschte. Er wartete.
Und wartete.
Und wartete…
Anfangs hatte sich Diego keine allzu
großen Sorgen gemacht. So schlimm konnte es doch nicht sein, dem Dicken –
Freund des Statthalters hin oder her - eins in die Visage zu geben. Doch
die Sonne ging vor dem schmalen Gitter irgendwo über seinem Kopf unter und
wieder auf, und es hatte sich immer noch niemand um ihn gekümmert. Langsam
wurde ihm kalt. Und langweilig. Hunger hatte er auch. Diego leckte sich
über die trockenen Lippen. Verdammt, er hätte sich nie träumen lassen,
dass er je wieder Verlangen nach einer Kokosnuss haben würde. Er streckte
die Beine auf dem unbequemen Kerkerboden aus und betrachtete missmutig die
fünf Kettenglieder, die seine Fußschellen verbanden. Hätte ihn jemand nach
der Anzahl der Steine in der Wand ihm gegenüber gefragt, es waren 36 in
der Breite und 29 in der Höhe… das machte…
„He, du da…“
Diego schloss kurz die Augen. Zwei
Monate war er auf diese Weise herumkommandiert worden, zwei elende Monate,
und er hatte es allmählich satt. Andererseits war er nicht wirklich in der
Lage, Forderungen zu stellen, also stemmte er sich auf die Füße und
blickte seinem Kerkermeister hochmütig entgegen.
„Mitkommen.“
„Wie auf der Insel“, dachte Diego
verbittert, „wie auf der verdammten Insel…“
„Guten Tag, Capitan, ich bin erfreut,
Ihre Gesellschaft zu machen.“
Teures Parfum, teure Kleidung, teurer
Akzent. Französisch, stellte Diego als Mann von Welt automatisch fest und
wartete.
„Sie werden sich fragen, wer ich bin“,
fuhr der junge Mann fort und machte eine erwartungsvolle Kunstpause. Diego
wartete.
„Meine Name ist de la Fessange. Marquis
de la Fessange.“
Der Name klang vage vertraut. Das
Gesicht war es nicht. Diego kramte in einer Erinnerung, bis er die
passenden Bruchstücke beisammen hatte. Dann grinste er.
„Ach so. Maurice.“ Die Stimme der
Contessina vergegenwärtigte sich ganz von selbst: „Maurice ist ein
Schlappschwanz, der mich beim Spiel gewonnen hat. Und ich versichere Euch,
Capitan, gegen den seid Ihr ein Mann.“
„Na ja“, dachte Diego ergeben und
musterte das kecke Schönheitspflästerchen neben de la Fessanges Mund.
„Auch eine Art Kompliment.“
Der junge Edelmann hatte inzwischen
seine Fassung wiedergewonnen. „Ja, Maurice“, bestätigte er säuerlich. „Und
wir haben eine gemeinsame Bekannte.“
„Ich hoffe doch, die Contessina de Vire
ist wohlbehalten bei Euch eingetroffen“, fragte Diego boshaft.
„Ja.“
„Dann darf ich zur baldigen Hochzeit
gratulieren?“
„Bei allen Heiligen, Mann, Ihr wart
zwei Monate mit ihr auf einer Insel. Versteht Ihr nicht, ich will sie
nicht wiederhaben. Ich – will – sie – nicht – heiraten!“
Der junge Edelmann sank in einen Sessel
und wedelte sich mit einem Spitzentaschentuch Luft zu. Diego betrachtete
ihn kühl.
„Ich bedaure, das zu hören, M. le
Marquis.“
„Und Ihr werdet sie wieder mitnehmen!“
„Werde ich das?“
Der Marquis senkte den Blick. Fünf
Eisenringe, die die Fußschellen verbanden. „Ich glaube nicht, dass Ihr
eine Wahl habt, Capitan“, sagte er zuckersüß.
Der Plan war so einfach, dass Diego
sich ein wenig beleidigt fühlte. Bis zuletzt wartete er auf den Teil, an
dem er mit gezogenem Schwert seine Beute gegen eine Hundertschaft Soldaten
verteidigen würde. Aber nein, die Contessina würde allein sein in der
Nacht vor ihrer Hochzeit. „Keine Kammerzofe hat es bei ihr ausgehalten“,
hatte der Marquis ihm seufzend anvertraut. „Und diese Stimme!
Grundgütiger! Und dann noch beschädigte Ware… was mich darauf bringt,
Capitan, habt Ihr eigentlich auch… keine Sorge, ich bin ein Mann von Welt.
Na, habt Ihr?“
Diego wusste nicht mehr genau, was er
gesagt hatte, aber da er jetzt hier stand, war er wohl klüger gewesen als
beim ersten Mal. „Hier“ bedeutete übrigens die Türe ihres Gemaches.
Diego fragte sich, was sie sagen würde,
wenn sie ihn sah. Bastardo rollte ihr besonders schön von den
Lippen, aber persönlich bevorzugte er „cochon“. Es hatte so etwas
Aristokratisches, wenn sie das sagte, außerdem war es eine ihrer ersten
Beleidigungen gewesen. Auf der Insel hatte sie meistens – er riss sich aus
seinen Gedanken. War er eigentlich vollkommen verrückt geworden? Mit einen
unterdrückten Fluch – und er konnte es einfach nicht so gut wie sie – riss
er die Türe auf und trat ein. Sie saß an ihrem Toilettentisch, aber sie
drehte sich nicht um. Sie warf auch nichts nach ihm. Sie machte kleine,
durchdringende Piepsgeräusche.
Erschüttert stellte Diego fest, dass
sie heulte wie ein Schlosshund.
Er hasste heulende Weiber! Tat sie
eigentlich alles, um ihn zu ärgern?
„Äh… Contessina?“
Sie drehte sich um. Ihre Augen waren zu
geschwollen, um Blitze zu schleudern. Sie zog die Nase hoch und schniefte
ausgiebig.
„Ihr?“
Sie schniefte noch einmal.
„Äh… ja.“
„Was wollt Ihr denn hier?“
„Äh… Euch… äh… entführen?“
Na wunderbar! Piraterie in Bestform,
konnte man da nur sagen. Ein klitzekleiner Blitz dümpelte auf ihn zu und
verglühte irgendwo einen halben Meter vor seinen Stiefeln.
„Warum?“, hickste die Contessina.
„Wieso warum?“
Bei allen Heiligen, er konnte froh
sein, dass niemand in der Nähe war. Die Hundertschaft Soldaten hätte sich
sicher schon selber außer Gefecht gelacht. Angelegentlich schlenderte
Diego durch das Zimmer und blieb vor ihr stehen. Jetzt überragte er sie
wenigstens.
Schon besser.
„Wie gesagt: Ich werde Euch entführen.
Ich rate Euch, Euch nicht zu wehren!“, verkündete er. Sie verschränkte die
Arme vor der Brust. Diese Geste kannte er. Und diesen Tonfall erst.
„Wollt Ihr mir endlich sagen warum?“
Nein! Wollte er nicht! Aber irgendwie
ahnte er, dass ihn diese Weigerung auch nicht souveräner gemacht hätte.
Herrgott, es ist ein Auftrag, dachte er. Sag es ihr einfach.
„Weil Euer Verlobter…“ Er brach ab und
fand es plötzlich unmöglich, ihr in die Augen zu sehen.
„…mich nicht haben will.“ Ihre Stimme
ging Diego durch Mark und Bein. Obwohl sie diesmal ganz leise war.
„Na ja… so würde ich das nicht sagen…“,
murmelte er verlegen. „Betrachtet es einmal so… der Marquis und Ihr, Ihr
hättet sowieso nie zusammengepasst.“
„Ach, und das könnt Ihr beurteilen.
Gerade Ihr, Capitan!“ Die Contessina war aufgesprungen und funkelte Diego
aus geröteten Augen an. „Wer seid Ihr denn, so etwas behaupten zu dürfen.
Ihr… Hundsfott. Bastardo! Cretin! Imbecile!“
Sie schleuderte eine Vase, die zwei
Meter neben seinem Kopf zerschellte.
„Hurensohn!“
Schon auf der Insel hatte Diego machmal
über ein Mittel nachgedacht, wie er sie zum Schweigen bringen könnte, aber
irgendwie war nie die richtige Gelegenheit gewesen, es auf seine
Wirksamkeit zu überprüfen.
„Puerco!“, kreischte sie ihm entgegen
und schüttelte ihre kleinen Fäuste.
„COCHON!“
Dann verstummte sie.
„Ha!“, dachte Barba Blanca
selbstzufrieden und zog den Kuss noch ein wenig in die Länge. So würde er
es von jetzt an immer machen.
©
Birgit Erwin, 2003
^^ UP ^^